KRITIK

Edward mit den Scherenhänden

Plakat zum Film Edward mit den ScherenhaendenBereits 1982, mit seinem Kurzfilm VINCENT, gab Tim Burton einen ersten groben Über- und Einblick in seinen Geist und sein mögliches zukünftiges Schaffen. Acht Jahre sollte es dauern, bis der Amerikaner in seinem vierten Langfilm dann ganz bei sich angekommen war: Aus heutiger Perspektive ist EDWARD SCISSORHANDS möglicherweise nicht der qualitative Zenit von Burtons Œuvre, wohl aber dessen absolutes Zentrum und Bezugspunkt.

Denn aller satirischen Überzeichnung und den realitätsverfremdenden Märchenelementen des Films zum Trotz, dieser schüchterne Junge mit den Scheren anstelle von Händen ist eben nicht nur der Prototyp des Außenseiters burton‘scher Couleur, sondern zum ersten Mal auch gänzlich unverhohlen biographisch geprägt: In der Rolle des Sonderlings inmitten der spießig-bunten Suburb- und ihrer verlogenen Gartenzaun- und Doppelgaragen-Idylle, dem es niemals wirklich gelingen mag oder kann, sich in dieser normierten Welt zurecht zu finden, steckt augenscheinlich viel von Burtons Kindheit und Jugend im beschaulichen Burbank (L.A. County).

"Hold me!" - "I can't."

In seiner unsicheren Naivität und gepeinigt vom steten Gefühl, dass er den Kampf und die Anerkennung dieser ihm so fremd erscheinenden Welt niemals wirklich für sich entscheiden kann, ist Edward aber nicht nur biographischer Ausfluss, sondern auch eine wunderbare Personifikation jugendlicher Ängste und Sorgen im Allgemeinen. Dass sich jenes Verständnis für die Figur ausgezahlt hat, wird nicht nur darin deutlich, dass der Film offensichtlich den Nerv eines heranwachsenden Publikums getroffen zu haben scheint, sondern auch, dass es Burton mühelos gelingt, großes Mitgefühl und Sympathie für diese nahezu stumme Mensch-Maschine aufzubauen. So erscheint es letztlich nur folgerichtig, dass man zwar den argwöhnischen Blick des Regisseurs auf die amerikanische Mittelschicht teilt und sich an deren Entrüstung ob des Eindringlings ins heimelige Wertegefüge stößt, die zweifellos schönsten Momente beschert der Film einem aber in jenen Szenen, in denen er ganz intim vom Schicksal seines (Anti-)helden erzählt. Selten wurde Coming-of-Age so schön und traurig zugleich behandelt.

Seinerzeit war Tim Burton kein großer Geschichtenerzähler. Und demnach ist auch EDWARD SCISSORHANDS weniger inhaltlich besonders ausufernde Variation von „Romeo and Juliet“, als vielmehr ein assoziatives Album großer Gefühle und Sehnsüchte, verflochten und zusammengehalten von jenen Eindrücken, die der Regisseur von Kindesbeinen an mit sich herum trug: Hier trifft Shakespeare auf Grimm, FRANKENSTEIN-Schloss auf Pril-Blume und inmitten der METROPOLIS-Zahnräder beschert Burton Kindheitsidol Vincent Price den letzten großen Kinoauftritt dessen Karriere. Was bei anderen zum wüsten Zitatereigen geraten würde, fügt sich hier nahtlos zu etwas gleichsam genuinen und magischen Ganzen zusammen: „You see, before he came down here, it never snowed. And afterwards, it did.“ Tim Burton, du bist toll!



Ähnliche Beiträge:

Dieser Beitrag wurde unter Kritik abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.