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dunkelste Stunde, Die

Plakat zum Film "Die dunkelste Stunde" mit den Victory-Zeichen von Winston Churchill auf dem Foto.

Bild (c) 2017 Universal Pictures Germany.

Der Brite Joe Wright konnte sich nach einigen TV-Aufträgen zu Beginn der „Nullerjahre“ bereits mit seinem Spielfilmdebüt, einer Neuverfilmung von Jane Austens Literaturklassiker „Stolz und Vorurteil“ (2005), die vier Oscarnominierungen einheimste, als vielversprechender Regisseur etablieren. Folgen sollte das epische Liebesdrama „Abbitte“ (2007), eine Ian McEwan-Adaption, die sich Dank inszenatorischer Stärke und einer opulenten Ausstattung erneut sechs Nominierungen abholte. Auch wenn Wright selbst bisher noch nicht die Ehre einer Oscar-Nominierung zuteil wurde, so schien dies damals nur eine Frage der Zeit.

Wie so oft aber bei anfangs hell brennenden Kerzen, verbrennen diese auch doppelt so schnell. Und trotz vielversprechender Starbesetzungen in seinen nächsten Filmen wie „Der Solist“ (2009, mit Jamie Foxx und Robert Downey Jr.) oder „Anna Karenina“ (2012, mit Keira Knightley und Matthew Macfadyen) konnte Wright dieselbe Magie wie einst bei “Stolz und Vorurteil” nicht wieder entfachen. Das Historiendrama „Die dunkelste Stunde“ sollte also neuen, prestigeträchtigen Schwung in die Karriere des britischen Regisseurs bringen. Einige Filmpreise und Nominierungen (Golden Globe für Gary Oldman) wurden bereits verteit und ausgesprochen, weitere werden sicherlich noch folgen. Das Biopic geizt jedenfalls nicht mit hochtrabenden Performances, opulenter Ausstattung und Sentimentalitäten, was die Academy einst liebte und vielleicht immer noch tut. Auch sind Politiker von Weltformat, die vermeintlich mit leuchtenden Beispiel voranschreiten und die Bevölkerung inspirieren, rarer und damit begehrter als je zuvor.

Szene aus dem Film "Die dunkelste Stunde" mit Gary Oldman als Winston Churchill neben seiner Frau Clemmie.Im späten Frühling 1940 erobern die deutschen Soldaten Belgien und Frankreich. Die meisten britischen Truppen werden an die französische Küstenstadt Dünkirchen gedrängt und müssen dort um ihr Überleben kämpfen. Der britische Premierminister Neville Chamberlain, der nach einer friedlichen Lösung sucht, wird durch Winston Churchill ersetzt. Dessen ersten Regierungswochen, die schließlich zu der Dünkirchen-Evakuierung (siehe Christopher Nolans Kriegsepos „Dunkirk“) führen sollen, werden in „The Darkest Hour“, wie der Film im Original heißt, ausführlich nacherzählt. Von politischen Feinden und Intriganten umgeben und vom britischen König misstrauisch begutachtet, muss Churchill die Entscheidung treffen, ob Großbritannien einen womöglich vernichtenden Krieg auf sich nehmen oder lieber zähneknirschend in Verhandlungen für einen vielleicht nur kurzfristigen Frieden mit Adolf Hitler treten soll.

Die Inszenierung von Wright stellt dabei das Wort und den Dialog in den Vordergrund. Ja, Drehbuchautor Anthony McCarten scheint offensichtlich verliebt in die Macht des Wortes und der mitreißenden, wohl formulierten politischen Rede. Der Zuschauer könnte meinen, dass Regisseur Wright und McCarten damit bestimmten Administratoren anderer Länder ihre Unfähigkeit in dieser Hinsicht unter die Nase reiben möchten. Ein sicherlich gern gesehener Nebeneffekt, der zwangsweise entsteht, wenn politische Persönlichkeiten der Zeitgeschichte porträtiert werden, und wenn diese mehr als zwei kohärente Sätzen aneinanderreihen können.

Szene aus dem Film "Die dunkelste Stunde" mit Gary Oldman als Winston Churchill in der Londoner U-Bahn.Oldmans Performance wirkt in ihrer Überlebensgröße, als wäre sie mit doch recht künstlich wirkenden Masken und Prothesen auf die Oscar-Saison hin zugeschnitten worden. Eine Performance, die stellenweise von freiwilliger und leider auch unfreiwilliger Komik durchzogen ist, die aber dennoch in dem verstaubten und sehr britischen Umfeld zu Beginn der 40er Jahre immer Freude bereitet und faszinierend zu beobachten ist. Das soll nicht heißen, dass die Darbietungen von Kristin Scott Thomas als Ehefrau Clemmie oder „Den kenn ich doch irgendwoher“-Schauspielern wie Stephen Dillane als Viscount Halifax oder Ben Mendelsohn als King George VI ermüdend unaufgeregt daherkommen. Ganz im Gegenteil. Vielmehr verleihen sie Oldmans überbordendem Spiel so etwas wie Bodenhaftung.

Klar, es ist sicherlich kein Leichtes, eine Spannung daraus zu ziehen, wenn man ältere Männer bei Verhandlungen, beim Durchlesen und Schreiben von Dokumenten oder beim Brühten über schwere Entscheidungen in düsteren Kriegsräumen beobachtet. Doch Wright gräbt so tief wie möglich in der inszenatorischen Trickkiste, um dem politischen Treiben auf Gedeih und Verderb Dynamik zu verleihen. Ein Film, der durchaus wie eine angestaubte Geschichtsstunde hätte wirken können. Doch die Erkenntnisse, die das Drama neben den historischen zutage fördert, sind die, dass es in der Politik oft um die Performance geht, insbesondere dann, wenn es dringend an der Zeit ist, politische Verbündete und Unterstützung durch die Bevölkerung zu gewinnen. Gleichzeitig, so wird ebenso deutlich, befinden sich politische Figuren, die schwierige Entscheidungen treffen müssen, oft in einer isolierten Position.

Szene aus dem Film "Die dunkelste Stunde" mit Gary Oldman als Winston Churchill im britischen Unterhaus.Bei „Die dunkelste Stunde“ von Wright handelt es sich am Ende dann aber doch nur um eine durchaus interessante, stellenweise sogar amüsante, aber größtenteils schamlose Heldenverehrung. Insbesondere eine Szene, in der Churchill aus seinem Auto steigt, seinen Chauffeur zurücklässt und in die Londoner U-Bahn steigt, um den Stimmen des Volkes zu lauschen, könnten sogar den hartgesottensten Churchill-Fans die Augen verdrehen. Letztendlich bleibt der Historienfilm ein recht behäbiges und wenig nuanciertes Porträt des Premierministers, das zwar die Schwere seiner Entscheidungen herausarbeiten kann, aber nie selbst zu hart mit dem kauzigen Politiker ins Gericht gehen möchte.

 

Kritikerspiegel Die dunkelste Stunde



Gian-Philip Andreas
Westfälische Nachrichten
8/10 ★★★★★★★★☆☆ 


Stefan Turiak
Widescreen, mehrfilm.de
7/10 ★★★★★★★☆☆☆ 


Durchschnitt
7.5/10 ★★★★★★★½☆☆ 


Weitere Noten zu aktuellen Kinofilmen findest Du in unserem Kritikerspiegel.



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