KRITIK

Dummer Junge – Garcon Stupide

Dummer Junge - Garcon Stupide Loic (Pierre Chatagny) schleppt allabendlich Internet-Bekanntschaften ab, flüchtige sexuelle Kontakte ohne Nachspiel. Tagsüber arbeitet der schwule Simpel in einer Schokladenfabrik in Lausanne, um Geld zu sparen für ein irgendwie noch zu definierendes Später. Dieses bricht erwartungsgemäß erst am Ende an, nachdem zuvor Todes- und Unfälle sowie die zarte Hoffnung auf Liebe (in Form des aus dem Off dozierenden Regisseurs) aus dem „dummen Jungen“ zwar noch keinen klugen machen, aber immerhin einen, der dumm nicht länger sein will. Ein Anfang also. Sensible Entwicklungsgeschichte oder Selbsttherapie eines Regisseurs? Man weiß es nicht.

Fraglos aber hat der Schweizer Lionel Baier seine schlichte Initiationsfabel formal stark überfrachtet. Künstliche Auslassungen, die seltsame Nebenhandlung um Fußballer Rui Alves, mit pathetischem Rachmaninov vollgegeigte Pornoszenen, Split Screens und bedeutungsschwangere Traumsequenzen machen die eigentlich wohl angestrebte impressionistische Selbstfindungsgeschichte zum symbolistisch aufgeplusterten Triebstau. Mit Kitschfinale übrigens.

Dabei könnte die Geschichte vom orientierungslos in die Welt geworfenen Zwanzigjährigen eigentlich durchaus interessant sein für ein jugendliches Publikum. Man muss nicht schwul sein, um sich mit den dargestellten Problemen identifizieren zu können, denn es geht hier weder ums Coming Out noch um Diskriminierungen. Es geht schlicht um einen Jungen, der nicht weiß, was er in und mit seinem Leben machen soll. Und dem würde man gerne unbefangen zusehen, aber Baier macht es uns allzu schwer.

Loic hat – beispielsweise – eine beste Freundin, die von der hervorragenden Natacha Koutchoumov („Vatel“) auch sehr sympathisch verkörpert wird. Aber sie muss eine pfiffige Geschichtsphilosophie-Studentin sein und Loic zum Kontrast ein Naivling, der weder Hitler kennt noch weiß, was Impressionismus ist. Klar, dass es zum Zerwürfnis kommt und sogar tragisch endet – in einer ärgerlichen Wendung, die wie eine mutwillige Sabotage des Regisseurs an seiner eigenen Geschichte anmutet. Dann hat Loic natürlich viel und oft phantasievollen Sex, aber Regisseur Baier entblödet sich nicht, die stählernen Maschinen aus der Fabrik dagegen zu schneiden: Aha, lernen wir, das ist also ein Symbol für die seelenlose, maschinelle Körperlichkeit des Knaben, der sich anonymen Fremden hingibt. Überhaupt scheint sich der Regisseur für den wahren Erretter des „dummen Jungen“ zu halten: Er selbst spielt sich selbst („Lionel“) und spricht aus dem Off hinter der Kamera her und scheint der einzige zu sein, der dem Jungen auf den rechten Weg zu helfen versteht. Am Ende finden sie sich im goldenen Licht eines Jahrmarkts. Nun ja. Da liegt niemand falsch, das abgeschmackt zu halten. Schade: eine vertane Chance.



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INHALT

Loïc arbeitet tagsüber in einer Schokoladenfabrik, nachts konsumiert er Sex wie am Fliessband. Sein Leben ist durch und durch geordnet. Eines Tages wird er etwas Tolles machen, etwas »Neues«. Noch weiss er nicht genau was, doch dafür spart er schon mal, indem er seinen Hunger mit Tabletten unterdrückt. Bauchschmerzen müssen weg! Da gibt es noch Marie, seine Freundin aus Kindertagen, bei der er sich nach seinen Internet-Eskapaden und nächtlichen Abenteuern ausruht. Vielleicht liebt er sie, »auch wenn sie nur eine Freundin ist«. Sie hat es satt, Mutter, Babysitter und Krankenschwester zu spielen. Doch dann sagt er ihr, sie sei eine Nutte. Alles soll sich ändern. Loïc trifft den komischen Typen vom McDonald's und schliesslich Rui, den »Star« einer regionalen Fussballmannschaft. Loïc wird sich verändern, will weiter, weil Marie ihn dazu zwingt. Weil Loïc kein dummer Junge ist.
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