KRITIK

Dreiviertelmond

Plakat zum Film DreiviertelmondDer Griesgram und das Kind: Für rührende Geschichten sentimentaler Läuterungen ist dieses Konstrukt ideal. Erst unlängst lief mit dem serbischen „Belgrad Radio Taxi“ von Srdjan Koljevic ein Film in den Kinos, in dem sich ein unwirscher Taxifahrer plötzlich um ein auf dem Rücksitz liegendes Baby kümmern musste. Diesmal ist es Elmar Wepper, dem ein türkisches Mädchen in den Wagen schneit. Und auch er: ein Taxifahrer.

Wepper selbst hat sich ja – nach Jahrzehnten seichten TV-Chargentums – in Doris Dörries „Kirschblüten-Hanami“ (2008) sehenswert als läuterungsfähiger Griesgram erprobt. Eine Variante dieser Rolle führt er nun in diesem Feel-Good-Movie mit Migrationshintergrund vor, dessen Regisseur Christian Zübert einst die Kifferkomödie „Lammbock“ drehte. Dieser Taxifahrer Hartmut also ist so miesepetrig, wie man sich einen Miesepeter nur denken kann, dauerzeternd, ausländer- und was-nicht-sonst-noch-alles-feindlich, ein Misanthrop in seinen Sechzigern, dem die Frau entnervt wegläuft, was ihn nur noch miesepetriger macht. Wepper spielt das sehr überzeugend.

Szene aus dem Film DreiviertelmondDann purzelt die sechsjährige Türkin Hayat (übersetze: das Leben) in sein Leben (übersetze: Hayat). Ihre Oma fiel (beim Beten!) ins Koma, die Mutter arbeitet im Ausland, Hartmut muss sich kümmern. Zum Glück tut er das nicht mit sofortiger Milde, sondern erst nach hartnäckigem Gekabbel, und dann lässt er sein Herz auch nur sehr langsam erweichen.

Die sehr talentierte Mercan Türkoglu bietet Wepper schön widerspenstig Paroli. Bis hin zur gelungenen Schlussvolte ist das ein gefälliges Duett zwischen den Generationen und Kulturen. Allein, es fehlt an filmischer und erzählerischer Individualität. Die Bilder heben sich vom Fernsehfilmstandard nie erkennbar ab, und auch der Plot verlässt selten seine vorhersehbaren Pfade. Noch dazu neigt er zur Überdeutlichkeit, um ja keine Leerstellen übrig zu lassen, über die der Zuschauer selbst nachdenken müsste. So schön es also ist, dass 50 Jahre nach dem Gastarbeiter-Anwerbeabkommen zwischen Deutschland und der Türkei verstärkt humoristische Migrationsgeschichten (siehe „Almanya“) auf die Leinwand kommen, so sehr wünschte man sich größere Originalität und vor allem mehr Mut im Zugriff.

 

Kritikerspiegel Dreiviertelmond



Gian-Philip Andreas
Westfälische Nachrichten
5/10 ★★★★★☆☆☆☆☆ 


Christian Gertz
nadann... Wochenschau, mehrfilm.de
6/10 ★★★★★★☆☆☆☆ 


Klaus-Peter Heß
Münstersche Zeitung
7/10 ★★★★★★★☆☆☆ 


Dimitrios Athanassiou
Moviemaze.de
7/10 ★★★★★★★☆☆☆ 


Durchschnitt
6.5/10 ★★★★★★½☆☆☆ 





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