KRITIK

Dreamgirls

Dreamgirls Musikproduzent Curtis Taylor jr. (Jamie Foxx) kennt das Geschäft. Er schmiert Radio-DJs und verhilft seinen Schützlingen zu noch seichteren Songs. So auch bei seiner neuesten Entdeckung, den „Dreamettes“. Hier ersetzt er die gesangsstarke Leadsängerin Effie (Jennifer Hudson) durch die hübschere Deena (Beyoncé Knowles) und sprengt somit das langjährige Trio. Effie will daraufhin verständlicherweise ihren eigenen Weg gehen. Für den Produzenten Curtis Taylor jr. aber zählt nur eins: der kommerzielle Erfolg – dafür kämpft er, um jeden Preis.

Vor diesem Hintergrund erzählt Autor und Regisseur Bill Condon („Kinsey“), sein Märchen von der kreativen Revolte gegen den Kommerz, in Anlehnung an die Erfolgsgeschichte der Supremes, der ersten „Girlband“ aus den 70er und 80er Jahren. Doch sein Film hat einen Haken, er muss selbst erfolgreich sein. Condon intoniert deshalb den seichten Sound zu jeder sich bietenden Gelegenheit. So erweist sich die vordergründige Geschichte einer schwarzen Frauenband aus dem Detroit der 60er Jahre mehr als Vehikel für den zugegeben teilweise mitreißenden Soundtrack. Der Soul- und spätere Disco-Glamour jener Zeit bietet dabei reichlich Stoff für pompöse Choreographien und kunterbunte Dekors. Ja, das können sie, die Amerikaner.

Die Gesangsnummern folgen der strengen Regel der gängigen Musical-Dramaturgie. Jeder Song muss ans/ins Herz oder ins Bein gehen. Condon geht hier aber noch einen Schritt weiter. Harmlose Kuriositäten werden dem ans Erzählkino gewöhnten Publikum entweder ganz verschwiegen oder dem Publikum nur verschämt untergeschoben: Die ersten Songs des filmischen Musicals sind als Proben oder Konzertauftritte noch strikt aus der Handlung motiviert. Erst zur Halbzeit wird erstmals ein musikalischer Dialog gewagt, bis zuletzt ein Sechs-Personen-Zoff zur kompletten Gesangsnummer wird.

Ganz zu schweigen von der historischen Situation. Sie ist hier nicht mehr als bloßes Kolorit. Während Regisseur Condon sehr ausgiebig die Plattitüde vom weißen Raubbau an schwarzer Kreativität inszeniert, handelt er die afroamerikanische Emanzipation der 60er Jahre in einsilbigen Stichworten ab. Mal fällt der Name Martin Luther King, ein anderes Mal treten die Protagonisten für Sekunden in die fremde Welt einer Straßenschlacht, um sich kurze Zeit später wieder erschrocken ins Studio zurückzuziehen und ein neues Liedchen anzustimmen. Hauptsache Stimmung und heile Welt. The show must go on.

Apropos Show: Was auch bei aktuellen Superstar-Suchen im TV auffällt ist, dass ohne gutes Aussehen im Musik-Business anscheinend gar nichts geht. Hier hat Condon mit Superstar Beyoncé Knowles sicherlich seine richtige Besetzung gefunden. Doch gegen Ende wird der Film mehr und mehr zu einer Beyoncé-Show mit Fotoaufnahmen, Laufsteg-Auftritten und vielem mehr. Weniger wäre hier eindeutig mehr gewesen.

So ist der Film am Ende so seicht wie seine Musik. Condons Werk will ein Musical sein, das vom kreativen Kampf gegen Raubbau und Kommerz erzählt. Er selbst praktiziert hier jedoch was er anprangert: Gedankenlose Unterhaltung.



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INHALT

Als Backup-Sängerinnen für R & B-Star James Early steigen Effie, Deena und Lorell ins Musikgeschäft ein. Doch Manager Curtis hat Größeres vor, will Hits endlich auch unter weißen Zuhörern landen. So wird das Trio ein eigenständiger Act, der Sound auf gefälligeren Pop und auch die Hierarchie umgestellt. Als die stimmgewaltige Effie das Frontmikro der attraktiveren Deena überlassen muss, kommt der Bruch, aber auch der große Erfolg.
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Eure Kritiken zu Dreamgirls

  1. Nina

    Ich kann mir vorstellen, dass das mit den Oscar-Nominierungen so eine typische Agenda-Sache war. Nach dem Motto, Oooh, ein Film mit ausschließlich schwarzen Schauspielern, da müssen wir schnell ein paar davon nominieren, schließlich gibt es immer noch zu wenig Oscar-prämierte Schwarze. Das wäre ja schön und gut, wenn die schauspielerischen Leistungen dann auch wirklich herausragend wären. Das ist aber keineswegs der Fall.

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