KRITIK

Drachenläufer

Drachenläufer Hätte Marc Forster ahnen müssen, welche Wellen die Schlüsselszene seines Films schlagen würde? Hätte er nicht erzählen dürfen, wie da in Kabul ein Junge, der zur unterdrückten Minderheit der Hazara gehört, von Paschtunen-Jungs vergewaltigt wird?

Hätte er sich bei der Verfilmung von Khaled Hosseinis Roman Drachenläufer selbst zensieren sollen, um Fundamentalisten zuvorzukommen? Nein. Er darf alles erzählen, der Schweizer lebt nämlich in den USA, die im Gegensatz zum gegenwärtigen Afghanistan eine Demokratie sind. Bloß, was nützt das den jungen afghanischen Darstellern, die mittlerweile in den Vereinigten Arabischen Emiraten wohnen müssen, inkognito, aus Angst um ihr Leben? Einen tragischen Kollateralschaden der Kunst möchte man das nennen – zumal im Falle eines Dramas, das vom Verlust der Heimat erzählt.

Wie authentisch erlebt oder wie gut erfunden Hosseinis Drachenläufer ist, sollte hingegen überhaupt nicht interessieren. Regisseur Forster bebildert in den ersten zwei Dritteln eine packende, berührende, universelle Geschichte über das Glück der Kindheit und den Verlust der Unschuld. Im weltoffenen Afghanistan der 70er, vor dem Einmarsch der Sowjets, sind der paschtunische Kaufmannssohn Amir und der Hazara-Junge Hassan, Sprössling des Dieners auf dem väterlichen Anwesen, engste Freunde – unschlagbar beim Drachenkampf, diesem alljährlichen Luftspektakel über Kabul, bei dem Geschicklichkeit und Siegeswille zählen.

Erst als Amir die beschriebene Vergewaltigung seines Freundes als feiger Beobachter geschehen lässt, zerbricht die Idylle. Bald darauf müssen Amir und sein Vater – die mit Abstand stärkste Figur des Films – vor den Russen über Pakistan nach Amerika fliehen.

Leider verschenkt „Drachenläufer“ gegen Ende den stillen Ernst dieser Erzählung eines Exodus. Amir, zum Schriftsteller herangewachsen nie mit seiner Schuld fertig geworden, erhält die Chance, als Mann der Tat Wiedergutmachung zu leisten. Wider jede Wahrscheinlichkeit – des Lebens und der Literatur.



Ähnliche Beiträge:

INHALT

Kabul, 1978. Amir, Sohn eines angesehenen Afghanen, und Hassan, Sohn seines Hausdieners, sind Freunde. Doch das Band zerbricht, als Amir Hassan nicht zu Hilfe kommt, als dieser von anderen Jugendlichen grausam erniedrigt wird. Nach dem Einmarsch der Roten Armee fliehen Amir und sein Vater in die USA. Jahre später holt ihn die Vergangenheit ein, bietet sich ihm die Chance zur Wiedergutmachung und seelischen Befreiung.
Dieser Beitrag wurde unter Kritik abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kritik schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*