KRITIK

Dorf der verlorenen Jugend

Plakat_Dorf-der-verlorenen-jugendEin Dokumentarfilmer, der seinen ersten Spielfilm dreht. Eine wahre Begebenheit, die ebenso erschütternd wie undurchdringlich erscheint. Ein Setting, das kaum Auswege bietet. Man meint, den Film, der aus diesen Prämissen entsteht, bereits vorab zu kennen. Eine nüchterne Bestandsaufnahme mutmaßlich, dem Thema und dem Schauplatz angemessen, eventuell gar ein Erklärungsversuch oder zumindest eine Theorie – aber nichts dergleichen: „Dorf der verlorenen Jugend“, im Original gleichermaßen profaner wie präziser „Bridgend“ betitelt, nach dem Ort in Wales benannt, in dem die Geschichte spielt, ist ein furioses Stück Kino voller eindrücklicher Bildkompositionen und magischer Momente, die genau jenes Mysterium transportieren, das die nüchternen Fakten mit sich tragen und so rätselhaft erscheinen lassen.

79 Jugendliche haben in dem ehemaligen Bergbaukaff Selbstmord begangen, zwischen Januar 2007 und Februar 2012. Die meisten der Teenager haben sich erhängt und darüber hinaus keinen Abschiedsbrief hinterlassen. Die Behörden bleiben über Jahre hinweg ratlos, die Medien spekulieren über einen mysteriösen Todeskult, der nie aufgedeckt oder bestätigt wurde, aber möglicherweise hat auch die Berichterstattung eine Eigendynamik freigesetzt, die die erschütternden Zahlen in die Höhe getrieben haben – doch außer Spekulationen bleibt am Ende nicht viel zu holen.

Szene_Dorf_Verlorene_Jugend_2Regisseur Jeppe Rønde hat die Jugendlichen aus der Gegend über sechs Jahre lang begleitet, vieles aus ihren Erzählungen ist ins Drehbuch geflossen, das Rønde gemeinsam mit Torben Bech und Peter Asmussen entwickelt hat. Zudem sind zahlreiche Nebenrollen mit Jugendlichen aus dem Ort besetzt, fast schon selbstredend wurde komplett an Originalschauplätzen gedreht. Diese vermeintliche Authentizität führt aber eben keineswegs dazu, dass sich Rønde und seine Mitstreiter simplen Erklärungsmustern hingeben, vielmehr glaubt man dem Film anzumerken, dass die Macher ihr Thema zutiefst durchdrungen haben und gerade deswegen dem Mystischen, dem Ungefähren, dem Eigensinn der Geschichte und ihrer Protagonisten so großen Raum gegeben haben, da dies die einzig adäquate Herangehensweise scheint.

Konsequent aus der Sicht der jungen Sara erzählt, die gemeinsam mit ihrem Vater in dem abgeschiedenen Ort ankommt, taucht „Bridgend“ tief in eine Jugendszene ein. Einer Szene, der kein Soziologe einen vorschnellen Stempel aufdrücken kann, in eine verschworene Gemeinschaft, zu der Sara nur zögerlich Zugang findet, die sie aber letztlich immer mehr absorbiert. Von ihrem Vater, der als neuer Polizeichef mit der Sisyphusarbeit der Aufklärung der Selbstmordwelle betraut wurde, entfremdet sich das Mädchen zusehends – hier weitergedacht, erscheinen die jugendlichen Selbstmorde als extremste Form der (post-)pubertären Abnabelung, als Höhe- und Endpunkt ihrer exzessiven Selbstvergewisserung.

Szene_Dorf_verlorene_JugendWährend die Szenen in den Hinterzimmern der Teenager-Partys vor roher Kraft und Vitalität geradezu zu bersten scheinen, gelingen Jeppe Rønde und seinem kongenialen Kameramann Magnus Nordenhof Jønck insbesondere in den Momenten, wenn sie den Jugendlichen in die Wälder oder zum angrenzenden Stausee folgen, ebenso hypnotische wie poetische Bilder, die zu den morbide-schönsten des Kinojahres gehören und dabei gleichermaßen vielsagend von den Seelenzuständen ihrer Protagonisten erzählen.

Die Figur der scheuen Sara, die mehr und mehr in ihrem jugendlichen Aufbegehren und der Sinnsuche ihrer neugewonnenen Clique aufgeht, ist entsprechend der Größe ihrer Rolle die nuancierteste, und „Game of Thrones“-Star Hannah Murray verkörpert sie mit einer perfekten Mischung aus Naivität und Abenteuerlust. Aber auch Josh O’Connor als ihr „love interest“ und Elinor Crawley als Saras neue BFF setzen starke Akzente in einem beeindruckend intensiven Ensemble.

Während die beispiellose Selbstmordserie ohne Aufklärung bleibt und somit unbefriedigend endet beziehungsweise nie ihren Abschluss finden wird, ergibt die Narration von „Bridgend“ in ihrer – bisweilen – Traumlogik vollends Sinn und fasziniert, ähnlich wie vor beinahe dreißig Jahren Peter Weirs ätherisch-rätselhaftes „Picknick am Valentinstag“ über alle Maßen.

 

 



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