KRITIK

Dolmetscherin, Die

Dolmetscherin, Die Im afrikanischen Land Matabo, das eigens für diesen Film erfunden wurde, pflegen die Menschen einen seltsamen Brauch, mit Mördern umzugehen. Die Angehörigen des Opfers rudern mit dem Täter auf den Fluss hinaus und werfen ihn gefesselt ins Wasser. Wer den Ertrinkenden rettet, findet seinen Seelenfrieden, wer ihn sterben lässt, muss bis ans Ende seiner Tage mit der Trauer leben.

Dieses bemerkenswerte Rachegleichnis erzählt die Heldin Silvia Broome (Nicole Kidman) in Sydney Pollacks UNO-Thriller dem Secret-Service-Mann Tobin Keller (Sean Penn), der zu ihrem Schutz abgestellt ist, aber vor Schmerz über den Unfalltod seiner Frau kaum klar denken kann. Silvia arbeitet seit zwölf Monaten als Dolmetscherin bei den Vereinten Nationen, sie übersetzt die Matabo-Sprache Ku, ist als Weiße auf dem schwarzen Kontinent aufgewachsen und glaubt fest an die Werte der UNO. „Dann haben Sie ja ein hartes Jahr hinter sich“, kommentiert der zynische Tobin, der Silvia überhaupt skeptisch gegenübersteht.

Er glaubt nicht recht an die Geschichte, dass die junge Frau spätabends in ihrer Dolmetscher-Kabine heimliche Zeugin eines geflüsterten Gesprächs wurde, in dem es um ein Attentat auf den Staatspräsidenten von Matabo ging, der vor der Vollversammlung eine Rede halten will, um seine Politik der Unterdrückung zu rechtfertigen. Tatsächlich erzählt Silvia ihm nicht die volle Wahrheit, tatsächlich stellt sich auch für sie die Frage nach Rache oder Vergebung.

Das Gebäude der Vereinten Nationen in New York, das Alfred Hitchcock während der Dreharbeiten zu „Der unsichtbare Dritte“ noch im Studio nachstellen musste, ist unzweifelhaft ein reizvoller Schauplatz für einen Politthriller. Und in seiner kühlen, babylonisch beschallten Zweckmäßigkeit, der behaupteten Völkerverbundenheit ein seelenspiegelnder Ort für die Begegnung zweier zerrissener Menschen, die von Kidman und Penn erstaunlich verhalten gespielt werden.

Sydney Pollack ist zu Recht stolz, dass er in der UNO filmen durfte, dieser von der amerikanischen Regierung verachteten Institution. Aber in erster Linie wollte er einen Unterhaltungsfilm drehen und nicht zu oft an seinen CIA-Klassiker „Die drei Tage des Condor“ denken müssen. Das ist bedauerlich, denn die durchaus spannende Story, die man kaum auf Plausibilität hin analysieren darf, hätte eigentlich mehr Potenzial – und einiges über die Grundgedanken der UNO zu erzählen.



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INHALT

Voller Entsetzen belauscht die UNO-Übersetzerin Sylvia Broome Putschpläne sowie ein Mordkomplott sinistrer Anzugträger, die einen in Ungnade gefallenen, schwarzafrikanischen Würdenträger beseitigen wollen. Obwohl sie zur totalen Geheimhaltung verpflichtet ist, vertraut sich die junge Frau dem FBI-Agenten Tobi Keller an. Während der ihrer Geschichte zunächst nicht recht glauben mag, nehmen die bösen Buben die ungebetene Mitwisserin aufs Korn.
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Eure Kritiken zu Dolmetscherin, Die

  1. Udo

    Hallo, seid ihr wieder zurück? Schön! Lange gab es keinen guten Polit-Thriller mehr. Grund genug, sich mal ein in Machart und Look konservativen Thriller von Regie-Größe Sidney Pollack anzusehen. Dieser Thriller besticht in der Tat durch seine faszinierende Location und seine beiden überragenden Hauptdarsteller. Ein verdammt guter, weil spannender Polit-Thriller.

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