KRITIK

District 9

District 9 Dem Science-Fiction-Genre haftet nicht selten der Makel an, es wäre intellektuell minderwertiges Kino. Die Trekkies und Star-Wars Communities mögen auf die virtuelle Palme gehen: Tatsache ist, dass die phantastischen Welten oft für massentaugliches Trivial-Entertaintment herhalten müssen. Dabei gibt es in diesem Genre eine mehr als große und komplexe Themenvielfalt, die große Geschichten möglich machen würden. Oft genug hapert es aber an der Umsetzung: beispielsweise bei Frank Herberts „Dune“, dessen erste Verfilmung durch David Lynch nicht wirklich gelungen ist; von den späteren TV-Adaptionen ganz zu schweigen. Das Genre steckt aber voller ungeahnter erzählerischer Möglichkeiten. Es macht Geschichten erst möglich, die für strikte Realadaptionen zuviel gesellschaftlichen Sprengstoff in sich bergen.

Jack Haldemans Roman „Der ewige Krieg“ (Original: „Forever War“) aus dem Jahr 1975 stellt hierfür ein gutes Beispiel dar: Thematisiert wird ein Konflikt weit „draußen“ im All, den die Menschheit gegen eine außerirdische Zivilisation führt und der soviel Jahrhunderte andauert, dass der ursprüngliche Grund vergessen und sogar belanglos wurde. Es wird gekämpft um des Kämpfens willen. Haldeman, selbst Soldat im Vietnamkrieg, hat mit diesem Roman seine Erfahrungen verarbeitet und eine grandiose Anklageschrift gegen den Krieg geschaffen. Als Prosaroman wäre er in den kriegstraumatisierten USA der Post-Vietnam-Ära gesellschaftlich nicht tragbar gewesen.

Der Vater der „Herr der Ringe“-Trilogie, Peter Jackson, hat sich nun in der Produzentenrolle eines Themas angenommen, dass auf den ersten Blick geläufig aussieht: abermals prallt die Menschheit mit bizarren Außerirdischen zusammen. Vor knapp 30 Jahren stranden Außerirdische auf unserer Welt: nicht über Washington oder New York, über dem südafrikanischen Johannesburg schwebt regungslos ein gigantisches Raumschiff. Die Menschheit rechnet mit dem Schlimmsten, aber nichts passiert. Nach einigen Monaten wagt sich ein Team an Bord und findet insektenähnliche Zweibeiner in einem katastrophalen Gesundheitszustand vor – die letzten Überlebenden ihrer Welt. Vorübergehend werden sie in einem Lager, dem so genannten District 9, interniert. Jahre vergehen, am Ende leben dort über eine Million Außerirdischer in einer bizarren Subkultur. Unfähig das Problem mit den Fremden zu lösen, übergibt die Regierung die Angelegenheit an ein privates Unternehmen, der Multi-National-United (MNU), in Wahrheit ein mächtiger Rüstungskonzern, der nur an der Waffentechnologie der Außerirdischen interessiert ist. Deren Waffen sind aber genetisch so kodiert, dass sie nur funktionieren, wenn der Benutzer selber Alien-DNS in sich trägt. Als sich der MNU-Agent Wikus van der Merwe (Sharlto Copley) bei einem Einsatz im District 9 mit einer merkwürdigen Substanz infiziert, die ihn allmählich zu einem der Außerirdischen umwandelt, wird er für die MNU äußerst wertvoll: In seinem Körper befindet sich menschliches und außerirdisches Erbgut in einer perfekten Balance, man muss den braven Mitarbeiter nur noch auf den OP-Tisch legen und kann sich bedienen. In ihm steckt der Schlüssel, um die Alien-Waffen in Betrieb zu nehmen.

Ganz gleich ob der Kinozuschauer Sci-Fi-Thriller favorisiert, grenzgängerische Ethnodramen bevorzugt oder Befürworter gut gemachter Live-Reportagen ist, Peter Jacksons Film bietet von allem etwas. „District 9“ beginnt als virtuelle Doku: Ins hermetisch abgeriegelte Außerirdischenghetto begleitet der Zuschauer die MNU bei der Vorbereitung einer Umsiedelungsaktion; nebenher werden die Behausungen der gefährlichen Aliens nach illegalen Waffen durchsucht. Einiges läuft dabei schief und immer dann wird die Bericht erstattende Kamera weggedreht. Die so verwackelten Aufnahmen erzeugen eine beängstigend reale Atmosphäre. Allein schon der Ort der Handlung ist mehr als politisch brisant: Es ist nicht irgendwo auf der Welt, es findet im südafrikanischen Johannesburg statt. Einem Land, das für seine strikte Rassentrennung und Apartheidpolitik berüchtigt war. Nun werden dort außerirdische Besucher interniert, misshandelt, gefoltert und ermordet. Doch nicht Südafrika sitzt hier auf der Anklagebank: wir alle sind es.

Das Thema des spannenden Dramas ist nicht neu: Es ist die Angst vor allem Fremden, Andersartigen oder wie es der verstorbene Politologe Samuel P. Huntigton sagen würde: Wenn wir nicht das hassen, was wir nicht sind, können wir nicht lieben was wir sind. Das bizarre Fremde lässt die Apartheid vergessen. Die schwarze Bevölkerung von Johannesburg hat plötzlich eine Kreatur zu Füßen, die sie nun so behandeln kann, wie sie einstmals selber behandelt wurde. Und die weißen Herren können ihr Selbstwertgefühl mittels Unterwerfung einer Spezies nähren, die noch tiefer rangiert, als ihre früheren Opfer. Schwarz und Weiß vereint gegen etwas Fremdartiges, das ihnen im Leben nie etwas zuleide getan hat. Mit Toleranz gegenüber andersartigen Kulturen scheint es nicht weit her. „District 9“ entzaubert aber auch den Mythos und die verklärte Sicht manch UFO-Jünger, der die Rettung der Erde im noblen Verhalten technologisch überlegener Wesen aus fernen Welten sieht. Wie können wir überhaupt gerettet werden, wenn wir nicht selber zu noblem Handeln fähig sind? Das Erste was den Mächtigen in den Sinn kommt, ist den Besuchern ihre Geheimnisse zu rauben, um noch tödlichere Waffen zu bauen. Wir sind demnach die invasive Spezies! Dies stellt eine der zentralen Botschaften des Films dar.

Selten ist ein Science-Fiction-Film derart politisch, vielschichtig und anklagend gewesen. Mit „District 9“ wird das Genre inhaltlich wie erzählerisch auf eine völlig neue Ebene gehoben. Hier werden Maßstäbe gesetzt. Das ist Spartenkino, das die Begrenzungen des Genres radikal durchbricht und nicht für das konsumierende, sondern für das mitdenkende Publikum konzipiert wurde. „District 9“ ist schlichtweg grandioses Kino mit fein durchdachtem Plot und einer Geschichte, die genreüberschreitend gesellschaftlich brisanten Zündstoff transportiert. Ein faszinierender Mix aus virtueller Dokumentation, Ethnodrama, Sci-Fi-Thriller und intelligentem Actionfilm. Nahezu erstmalig wird aufgezeigt, welche Geschichten sich mit den Mitteln dieses Genres erzählen lassen und wie durch Transfer und Verfremdung ganz irdische Probleme kritisch beleuchtet werden können. „District 9“ hat den Science-Fiction-Film rehabilitiert und ihn aus der Ecke des trivialen Amüsements, des Effektfeuerwerks und des inhaltsleeren Unterhaltungskinos herausgehoben.

 




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INHALT

Als vor über 28 Jahren erstmals Außerirdische über Johannesburg auftauchen, ist man nicht sicher, ob dies in feindlicher oder fortschrittlicher Absicht geschieht. So werden die Aliens übergangsweise in einer speziellen Notunterkunft, dem District 9, untergebracht. Als die Regierung nach fruchtlosen Verhandlungen die Verantwortung für die hilflosen Wesen einer privaten Firma übergibt, will diese sie für Waffenexperimente missbrauchen. Dazu werden sie umgesiedelt, wobei sich ein Mitarbeiter mit einem mysteriösen Virus ihrer DNA infiziert.
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Eure Kritiken zu District 9

  1. Olle

    Ein grandioser Film, spannend, zum Nachdenken anregend, nachvollziehbar und zu keiner Minute übrtrieben. Selten einen so guten Sci-Fi Film gesehen.

  2. Kohloe

    Nicht von dem Hintergrund abschrecken lassen. Der Film überzeugt auf voller Linea und ist sogar für Alienhasser interessant.

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