KRITIK

Die Vermessung der Welt

Plakat Vermessung der Welt Ein halbes Jahr ist es erst her, dass die Verfilmung von „Ruhm“ im Kino.. tja, absoff: Alles, was zwischen den Zeilen von Daniel Kehlmanns jüngstem Roman zu finden war, blieb in Isabel Kleefelds Star-gespicktem Film unsichtbar. Um Ähnliches zu verhindern, ließ sich Kehlmann für die Kino-Umsetzung von „Die Vermessung der Welt“ gleich selbst als Co-Drehbuchautor engagieren. Die Kontrolle über sein bisheriges Hauptwerk, jenen millionenfach verkauften Roman, mit dem er vor sieben Jahren schlagartig berühmt geworden war, wollte er nicht aufgeben. Die Geschichte des Mathematikers Carl Friedrich Gauß und des Naturforschers Alexander von Humboldt, dieser methodischen Antagonisten der Wissenschaft an der Schwelle zum 19. Jahrhundert, Theoretiker der eine, Empiriker der andere: Alles unter einem schillernden Kino-Blockbuster für Erlebnis-Kinogänger wäre da zu wenig.

Detlev Buck führte dann Regie, ein brillanter Komiker, der auch in anderen Genres bewandert ist. Ihm oblag die schwierige Aufgabe, aus einem Text, der seine Ironie vor allem aus der konsequenten Verwendung indirekter Rede bezieht, ein süffiges Zeit- und Abenteuerepos zu zaubern. Und süffig ist es durchaus geworden: Mit allem Schnick und Schnack des Special-Effect-Kinos, in pompösem 3D, werden hier die Lebensläufe der beiden Protagonisten parallel abgehakt.

Szene aus dem Film Die Vermessung der WeltEs gibt sehr viel zu sehen, doch wer genauer nachschaut, erblickt, außer Kulissen, wenig. „Doctor’s Diary“-Star Florian David Fitz („Vincent will Meer“) spielt den Zahlen-Nerd Gauß sympathischer, als er im Roman angelegt war, schraubt meist in dunklen Zimmern an seinen Formeln und schafft die Grundlage heutiger Differentialgeometrie beim Beischlaf in der Hochzeitsnacht. Der bislang wenig bekannte Albrecht Schuch stakst als Humboldt in preußischer Früh-Kolonialisten-Manier durch den ecuadorianischen Urwald und wirkt dabei stets wie ein Talent auf der Freilichtbühne im Dekor eines ethnologischen Museums: Die Kostüme des Adligen hat der Fundus ebenso trefflich herausgesucht wie die Fetzen der Sklaven. Und wie schön: der Orinoco!

Was Gauß und Humboldt in ihrer gegensätzlichen Herangehensweise an die Wissenschaft verbindet, bleibt in dieser auf Äußerlichkeiten und schnelle Gags setzenden Inszenierung ausgeblendet – ihr Aufeinandertreffen im vorgerückten Alter wird pflichtschuldig durchexerziert, als Klimax zweier über Jahrzehnte heranrollender Lebensläufe funktioniert das kaum. Lieber lässt Buck in 3D Schmetterlinge vorbeiflattern und laszive Dirnen-Derrières in den Kinosaal lappen, lieber darf Burgschauspieler Michael Maertens als Herzog von Braunschweig eine groteske Chargennummer abziehen und Kehlmann als gepuderter Höfling grenz-eitel selbst mitmischen. Vielleicht bleibt diese „Vermessung“ also gerade deshalb so blutleer, weil alles in ihr mit Wucht auf Effekt getrimmt wurde. Bernd Eichinger hätte applaudiert: Die ironische Distanz, die den Roman kennzeichnete, wird hier zur knalligen Eindeutigkeit.

  



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