KRITIK

Die Frau, die sich traut

Bild (c) X-Verleih

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Halt auf blockierter Strecke, irgendwo in Ostküstennähe: Seit 30 Jahren rackert Beate in einer Großwäscherei, täglich stellt sie ihrem längst erwachsenen Sohn samt Freundin das Essen hin, kümmert sie sich zudem um die Enkelin, während Tochter Rike im Examen steckt. Das Leben der 50-Jährigen ist auf selbstlose Dienstleistung eingenordet. Dabei war sie früher Leistungsschwimmerin und auf Olympia-Kurs – doch die erste Schwangerschaft begrub alle Medaillenträume. Grausam meldet sich jetzt die Vergangenheit zurück: Sie hat Gebärmutterhalskrebs. Es ist eine Spätfolge ihres Anabolika-Konsums.

Um Beate auf den Selbstbefreiungstrip zu schicken, braucht der Film eine solche Hiobsbotschaft, wie es im deutschen Film und Fernsehen überhaupt stets der schlimmstmöglichen Keule bedarf, damit seine in Routine erstarrten Figuren endlich anfangen, ihre Fesseln zu sprengen. Kurios genug. Beate jedenfalls kündigt ihren Job und hat ein neues Ziel: einmal noch den Ärmelkanal durchschwimmen. Statt mit der Chemotherapie beginnt Beate mit beinhartem Konditions- und Kältetraining. Wenn schon sterben, dann wenigstens fit. Wenn schon gehen, dann nicht ohne Rekord. Die Leistungsgesellschaft erreicht mit Ankündigung selbst den Sarg.

Das Drama kommt ästhetisch und inhaltlich nur selten über TV-Routine hinaus. Der Plot schnurrt ab wie allabendlich im ZDF. Mit allem, was kompliziert sein könnte, zum Beispiel Beates Verhältnis zu ihren flach und unsympathisch gezeichneten Kindern, macht es sich der Gronauer Regisseur Marc Rensing („Parkour“), der sich sein erstes filmpraktisches Wissen in Münster aneignete, viel zu einfach. Zum Glück aber spielt die wunderbare Steffi Kühnert („Halt auf freier Strecke“) die Hauptrolle: Sie zeigt selbst dort Nuancen, wo gar keine angelegt sind. Ihre Verletzlichkeit, Sturheit und Verzweiflung tragen den Film schließlich ins Ziel.

 




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INHALT

Beate wird 50. Ihr Leben ist erfüllt von ihrer Arbeit in einer Großwäscherei aber vor allem von ihrer Hingabe zu ihren - eigentlich schon erwachsenen - Kindern. Ob die Betreuung der Enkelin nach der Schule - die Tochter steckt mitten im Examen - oder die Gesamtversorgung ihres Sohnes nebst schwangerer Freundin, die bei ihr im Haus leben, Beate kümmert sich um alles. Auch für ihre beste Freundin Henni und deren aufregendes Liebesleben hat sie immer ein offenes Ohr. Eine beunruhigende ärztliche Diagnose bringt sie dazu, sich mit ihrem Leben auseinanderzusetzen, und mündet in der Idee, einen Jugendtraum zu verwirklichen: Einmal durch den Ärmelkanal schwimmen... Nicht unrealistisch für die ehemalige Leistungssportlerin, die ihre Hoffnung auf eine olympische Medaille wegen der Geburt der Tochter aufgeben musste. Mit großer Energie und aller verfügbarer Zeit stürzt sich Beate in das harte Training. Aber da sind noch ihre Kinder, die plötzlich alleine mit dem Alltag klar kommen sollen und die Welt nicht mehr verstehen. Gegen deren Widerstand, aber mit ihrer Freundin Henni an der Seite, macht sie einmal im Leben nur etwas für sich und begibt sich auf den Weg durch das Meer von Dover nach Calais - und zu sich selbst. (Text: X-Film)
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