KRITIK

Der weiße Hai

Es zählt wahrscheinlich zur Charakteristik sogenannter Meilensteine der Filmgeschichte, dass sich ihre Rezeption im Laufe der Jahre ändert, und sie zumeist erst später jene Würdigung  in der Kritik erfahren, die ihnen das Publikum an der Kasse schon viel früher ausgesprochen hat.
Auch JAWS ist ein solcher Fall; eines jener Werke, die lange Zeit auf ihren popkulturellen Status herunter gebrochen, und auf das geschickte Spiel mit Mechanismen des Genres,  die Spielberg hier ebenso benutzt, wie auch weiter ausbaut, reduziert wurden, und die dem Film doch nicht allumfassend gerecht geworden sind.

Was an seiner Oberfläche als funktionale Vermischung von Seemannsmärchen und den Ausflüssen amerikanischer Tierhorrorfilme innerhalb eines realistischen Rahmens erscheint, erweist sich bei genauerer Betrachtung als durchaus doppelbödige Gesellschaftsstudie nebst Auseinandersetzung mit einem amerikanischen Trauma.
Zeigte Spielberg in seinem Debüt DUEL -mit welchem der Film nicht nur eine inhaltliche, sondern auch eine gewisse formale Nähe teilt- sich vor allem an der wachsenden Paranoia eines einzelnen Menschen innerhalb einer Extremsituation interessiert, weitet JAWS das Spektrum nun als unvermeidliche Konsequenz aus: Hier geht es um Gruppen und deren Psychologie; zuerst im globalen Raum einer klassischen Kleinstadt, später um ein verwegenes Trio auf einem Boot.

Auffallend ist dabei die recht strikte Trennung in zwei voneinander nahezu losgelöste Teile: In seiner ersten Hälfte formuliert Spielberg vor allem den Hintergrund seiner Hauptfigur Brody aus, und setzt dessen Motivation als Hai-Jäger in engen Kontext mit seiner Rolle als Familienvater (ein Motiv, dass sich in noch stärkeren Maße im späteren Œuvre des Regisseurs wiederfindet), aber auch als gesellschaftliche Selbstfindung in Szene: Für den aus der Großstadt zugezogenen Polizeichef ist die Treibjagd auf den Mörderfisch immer auch Institutionalisierungprozess innerhalb der ihn argwöhnisch beobachtenden Provinz, deren Feuertaufe er scheinbar erst mit Ablauf der Credits wirklich bestanden hat.
Unnachgiebig legt Spielberg dabei die Gefahr des bürgerlichen Mikrokosmos offen, der in seinem Habitus aus Verdrängung und Schnellschlüssen dazu neigt, sich selbst zur größten Gefahr zu werden. Die Kapitalismus-Parabel vom skrupellosen Geschäftsmann, die sich JAWS an dieser Stelle gönnt, avancierte zwar gewissermaßen zu Genre-Blaupause, muss sich aber gleichwohl den Vorwurf gefallen lassen, schon damals eher abgegriffen und mit platten Klischees ausstaffiert worden zu sein.

Nach jener fast einstündigen Exposition, wechselt Spielberg das Setting, und wendet sich den Abenteueraspekten seiner Geschichte zu, ohne jedoch bereits angerissene Themen versanden zu lassen. Legt bereits die angespannte Situation an Land, eine gewisse Parallele zur Entstehungszeit des Films nahe, forciert vor allem das Szenario mit seiner Fixierung auf eine kleine, wild zusammengewürfelten Truppe Männer, die sich weit in das Territorium einer unberechenbaren Gefahrenquelle hineinwagt, eine Lesart, die einen Bezug zum amerikanischen Krieg in Vietnam herstellt. Einen Eindruck, den Spielberg in Dialogen über Erfahrungswerte vergangener Schiffsunglücke nebst Haiattacken ebenso chiffriert, wie auch bestätigt.

Zweifellos faszinierend -ob nun gewollt oder nicht- ist an diesem Film letztlich die Tatsache, dass JAWS aus heutiger Sicht weniger als Genrewerk, sondern vor allem wegen seiner intellektuellen Spielereien Freude bereitet; dass sich die mögliche Hommage an Hitchcocks LIFEBOAT bei der Zusammensetzung der Abenteurergruppe als Querschnitt der Bevölkerung als spannender erweist, als dessen Suspense-Mittel, die Spielberg hier gegen Ende über Gebühr beansprucht. Ob man JAWS deshalb nun als revolutionäres Creature-Feature, oder aber als konsequente Fortführung der Auseinandersetzung mit Versagensängsten und Männlichkeitskomplexen aus DUEL begreift: Sehenswert ist der Film allemal.



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INHALT

Eigentlich läuft alles wunderbar im beschaulichen Küstenort Amity: Der Sommer verspricht lang und heiß zu werden, die Touristen strömen in Massen zum idyllischen Sandstrand, um ein paar ruhige Tage zu verleben. Doch die Heiterkeit findet ein abruptes Ende, als am Strand die Leiche einer jungen Frau angespült wird. Die Indizien sind klar: Hier war ein Hai am Werk. Ein großer Hai. Doch davon will der Bürgermeiste und seine Stadtväter nichts wissen, und so muss sich Polizeichef Brody nahezu im Alleingang auf die Pirsch begeben, um dem gefräßigen Ungeheuer den Garaus zu machen...
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