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Der schmale Grat

„Der Krieg macht die Menschen nicht besser – er macht sie zu Hunden, vergiftet die Seele“. – Terrence Malik gilt als einer der wohl visionärsten  Regisseure unserer Zeit. Denn er hält in Punkto handwerklicher Qualität und unentwegtem, philosophischem Überbau den Vergleich mit ähnlich methodisch vorgehenden Regisseuren der Branche stets ohne Probleme stand. Als Dichter, Poet und Künstler erschafft er ebenso stets das, was man im Medium Film wohl als „Magie“ wahrnimmt / bezeichnen würde. Dabei macht es Terrence Malik dem Betrachter, ähnlich wie im aktuellen Beitrag „Tree Of Life“, zu Beginn keineswegs leicht, einen vernünftigen Einstieg in „Der schmale Grat“ zu finden.“ Denn vor allem sind Geduld, Sitzfleisch und Aufmerksamkeit des Betrachters gefordert, um einen Zugang zum philosophischen, 3-stündigen Meisterwerk „Der schmale Grat“ zu erhalten.

Alle Schöpfungen der Natur sind in ihrem Wesen wie Raubtiere, die stets nur auf das eigene Überleben bedacht sind. Die Gewalt gehört einfach zur Natur dazu, sie ist wesensimmanent, ein Phänomen, das sich in seinem Ursprung nur sehr schwer erfassen lässt, aber im Zuge des Lebens und Überlebens schon seit Jahrhunderten prägte und für immer verändert hat. Eine paradiesische Welt, wie wir sie uns immer vorgestellt haben existiert im Grunde genommen nicht.

Aber wie würde diese ohne Gewalt eigentlich aussehen? Wie würde man sich fühlen, wenn man zu ihr zurückfinden würde? Zu Beginn findet Terrence Malik die passenden Bilder samt philosophischen Off-Screen-Kommentaren und zurückhaltendem, aber trotzdem emotionalem Score von Hans Zimmer, wenn er Private Witt (Jim Caviezel) fernab der technisierten, menschlichen und gewaltbereiten Zivilisation an einen Ort versetzt, der scheinbar wie der letzte unberührte Flecken der Natur wirkt. An dem die Menschen noch ihre Unschuld behalten haben und das Leben in vollen Zügen genießen, aber Angst vor der Gewalt, dem Tod und den Soldaten haben, die diese Dinge verkörpern. Es ist es stets ein schmaler Grat zwischen dem Leben und der sich ankündigen Gewalt, dem Tod und dem Leid, den man nicht in alle Ewigkeit weitergehen kann, vor allem wenn sich First Sergeant Edward Welsh und seine Männer besagtem, unberührtem Eiland nähern, um Private Witt für den Dienst an der Waffe und für eine unmögliche Mission zurückzuholen bzw. zu rekrutieren.

Thematisch ähnlich wie Spielbergs „Der Soldat James Ryan“ gelagert, da bei beiden Dramen im innersten auch die Perversion der Schuld und Unschuld im Krieg und das Überleben wollen jedes Einzelnen im Krieg beschrieben wird, erhebt „Terrence Malick“ am Ende von „Der schmale Grat“ jedoch anders als Spielberg keine auf den Mainstream ausgerichtete, verständliche Anklage gegen die wahren Verantwortlichen des Krieges, die rigoros bzw. ohne Skrupel die eigenen Landsleute zum scheitern bzw. zu einer Art Lotteriespiel um das eigene Leben bzw. zum Tode mit dem Einzug in den Krieg verurteilen. Und manchens Mal ohne eine „Soul Survivor“-Regelung dabei ihre Kameraden vergaßen. Nein, „Terrence Malick“ beschreitet in „Der Schmale Grat“ den existenzialphilosophischen Weg, lässt uns per medidativer Ruhe in verschiedenen Abschnitten tiefer in die Psyche eines jeden einzelnen Soldaten eintauchen. Im Gegensatz zu Steven Spielbergs Antikriegsfilm. Terrence Malick und Steven Spielberg sind sich mit ihren Inszenierungsabsichten manchmal sehr nah. Aber im Endeffekt halt doch so fern.

Ein Soldat bewandert stets in jeder Sekunde den schmalen Grat zwischen körperlichem Leben und Überleben, zwischen Zurechnungsfähigkeit und auftretender Geistesgestörtheit des Gefechtes (man werfe einen Blich auf Nick Noltes Figur), erlebt stets den schmalen Grat, der zwischen dem Vertrauen in die eigenen Kameraden und des im Stich gelassen-Werdens von ihnen liegt. Man erlebt als Soldat die persönlichen Folgen nach einem Sieg, wenn man seelisch und moralisch korrumpiert zurückgelassen bleibt oder erlebt die letzten Folgen im Angesicht der Niederlage. Man stirbt und wird mit der Natur wieder eins, tritt seinem Schöpfer gegenüber, „DAS“ ist Krieg. Die Natur ist weiterhin existent, nimmt uns ihre Arme auf. Dabei ist es eine Schande, dass die Gewalt des Menschen ebenso in der Natur durch Geltungssucht, Egoismus und Skrupellosigkeit, Unmoral begründet liegt. Aber andersherum gegen die „Harmonie“ der Natur und der dazugehörigen Freiheit jedes einzelnen strebt. Ein jeder Soldat ist ein um seiner selbst willen getriebener, wird zu einem in die Ecke gedrängten Mörder, weil er überleben „muss“, dem permanent das Recht auf freie Entscheidung entzogen wird, sich im späteren Verlauf gegen noch so beispielsweise unmoralische Anweisungen zu widersetzen.

„Dreck. Wir sind alle nur Dreck.“  „Du tust mir irgendwie leid Kleiner, die Armee bringt dich um.“ – Terrence Malick hält diese Momente in ebenso atemberaubenden, poetischen und zärtlich anmutenden Bildern als Erinnerung der Soldaten an das eigene Zuhause fest und setzt diese in einen harten Kontrast zur blutigen Realität des Schlachtfeldes.
Und nimmt der Wahnsinn einmal überhand, ist er nicht mehr zu kontrollieren. Die naturbedingte Angst und das Adrenalin des Menschen (unabhängig von Geschlecht oder Herkunft) schaffen absolute Ausnahmesituationen im Krieg, in denen man irgendwann selbst nicht mehr Herr über seine eigenen Agressionen ist, Selbst fressen oder gefressen werden, DAS ist das Motto der Natur. Wen kümmert es noch, ob sein Gegenüber genau so empfindungfähig ist wie man selbst, um Gnade und Erlösung im Angesicht des drohenden Todes fleht, das eigene Leben zu verschonen?

Nicht nur die Inszenierung, sondern auch in Punkto handwerklicher Qualität lässt sich an Terrence Malicks Drama „Der schmale Grat“ nicht das Geringste bemängeln, die erstklassige Kameraarbeit von John Toll („Bravheart) erschlägt den Betrachter mit einer wahrhaft gigantischen Bilderflut, welche mit für die allgemeine, hohe Qualität von „Der schmale Grat“ spricht und zu einer wichtigen, tragenden Säule von Terrence Malicks Film gerät. Ebenso beeindruckend fällt der von Hans Zimmer („Gladiator“) geschriebene Score des Films aus. Hans Zimmer drückt als Komponist tonal in perfekter Manier stets das aus, was man während vielen spannungsgeladenen Sequenzen und dann wieder in meditativ ruhigen Momenten in der Lage ist nachzuempfinden. Der Wahnsinn, der in jedem Kopf der Protagonisten in jedem Augenblick wie ein nicht mehr zu besiegendes Schreckgespent präsent ist, erhält somit die richtige Kontur und wird also emotional greifbar gemacht.

Dazu wird der wichtige, philosophische Überbau von Terrence Malick in Form verschiedener Off-Kommentare serviert. Dass dabei mehr Fragen als Antworten gestellt werden, dürfte dem einen oder anderem Betracht erst einmal verständlicherweise übel aufstoßen. Allerdings legt Terrence Malick Wert darauf, dass jeder Betrachter seine eigene, vorhandene Auffassungsgabe benutzt, um die in seinem poetischem „Antikriegsfilm-Drama“ gestellten Fragen auch adäquat beantworten zu können. Der filmische Anspruch in „Der schmale Grat“ könnte also somit nicht höher liegen, die weisen Erkenntnisse, die hier versteckt und allgegenwärtig sind, muss jeder für sich selbst aufspüren und auch verstehen wollen. Geschenkt wird dem Betrachter nichts. Wer gedanklich in „Der schmale Grat“ aussteigen möchte, hat am Anfang des Films schon direkt die Chance dazu.

Terrence Malicks Film offenbart sich (wie schon erwähnt) NICHT als sensible Antikriegs-Anklage gegen menschliche Vergehen, Unschuldige in den Krieg zu schicken. Und plädiert nicht nur für dessen Freiheit bzw. hält diese nicht nur in Ehren oder setzt ihnen ein Denkmal. Auch erweist sich der Film nicht als Leichentuch für die Gefallen. Nein, mit „Der schmale Grat“ bekommt man eine phasenweise ruhige, dann wieder dynamische, offene, differenzierte und schonunglose Aufarbeitung/ Abrechnung mit dem zynischen Wesen des Krieges und des Menschen, an dessen Ende sich alle philosophischen, technischen und schauspielerischen Komponenten zu einem runden, stimmigen und nachdenklichem Ganzen zusammenfügen. Terrence Malick beraubt uns konsequent unserer Illusion, dass die Welt am Ende von „Der schmale Grat“ ein reiner, friedfertiger und gewaltloser Ort ist..

Müsste man ebenso ein Fazit der letzten 30 Jahre im Antikriegsfilmgenre ziehen, würde man zu folgendem Schluss kommen: Stanley Kubrick unterzog uns einem militärischen Drill, entlarvte den Krieg als monoton und zerstörerisch, funktionierte uns zu einem seelenlosen Soldaten in „Full Metal Jacket” um und ließ uns die dazugehörige, emotionale, menschliche Kälte spüren. Terence Malik philosophiert in „Der schmale Grat” über den Ursprung von Krieg, Gewalt und Zerstörung und führt uns zu den Ursachen und der schockbierernsten Erkenntnis zurück, nämlich zu uns selbst, zeichnet also ein düster-pessimistisches (Menschen)Bild, welches im Kontrast zur wahren Harmonie der Natur steht: der Mensch leidet halt an Minderwertigkeitskomplexen, er strebt immer wieder danach, mehr als sein gegenüber zu sein. Und deswegen brechen immer wieder Kriege aus, die Mensch und Natur in Mitleidenschaft ziehen, wenn die Psyche zerfällt. „Band Of Brothers” hingegen befasst sich mit der ebenso wichtigen Kameradschaft während des Krieges als Mittel zum Zweck, um die persönliche Hölle überleben zu können. Und Steven Spielberg setzt als Regisseur den Toten des Krieges ein würdiges Denkmal, legt über diese ein Leichentuch und klagt die Verantwortlichen des Krieges an, die ohne Skrupel Menschen in den Tod schickten, um die eigenen, persönlichen, unbezahlten politischen Rechnungen begleichen zu können. Was soll im Genre des (Anti)Kriegsfilms jetzt noch folgen?

  



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