KRITIK

Der große Gatsby

Plakat zum Film Der grosse GatsbyBaz Luhrmann gilt seit geraumer Zeit als einer der erfolgreichsten Regisseure Hollywoods. Seine Erfolge als Filmemacher sind seit je her auf einen auffälligen, eher unkonventionellen-visuellen Inszenierungsstil zurückzuführen und nicht auf die einfallslose „Masse” an Filmen, welche andere Regisseur von ähnlichem Format in ihrer gesamten Laufbahn bisher anhäuften… Und zumindest gelang es ihm im Jahre 1996, die wohl tragischste Liebesgeschichte der Literatur, „Romeo und Julia” , neben aller visuellen Finesse auch mit inhaltlicher Substanz zu versehen, da William Shakespeare´s Tenor des Ursprungsromans glücklicherweise beibehalten wurde… Die moderne ”Romeo und Julia”-Adaption wurde somit zu einem weltweitem Erfolg.

Fitzgerald´s populärer Roman „Der große Gatsby” erscheint da aktuell wie gemalt für eine Umsetzung als ebenbürtiges, großes Hollywood-Kino zu „Romeo und Julia” zu sein. Und natürlich fährt Baz Luhrmann zwecks aktuellem Erfolg an den Kinokassen als Regisseur, wie sollte man es auch anders erwarten, schwere filmische Geschütze auf: so versammelt er einen exzellenten Cast von Leonardo Di Caprio bis hin zu Tobey McGuire und Carrey Mulligan. Dazu wird das Auge des Betrachters (nebst pompöser Ausstattung und einem Soundtrack, welcher auf überraschende Weise eine Brücke in die „Moderne” schlägt ) von den edelsten Cinemascope-Bildern verwöhnt. Die Bühne scheint auf Grund dieser Zutaten wohl für etwas „Großes” vorbereitet zu sein… Lediglich der zusätzliche 3D Effekt erscheint in „Der große Gatsby” leider sehr ausbaufähig… Wie in so vielen anderen Filmen von diesem Format …

Gatsby believed in the green light, the orgastic future that year by year recedes before us.” – Leider gelingt es Baz Luhrmann nicht, an seinen Erstlingserfolg von Shakespeare´s „Romeo und Julia” anzuknüpfen. Denn seine Umsetzung von „Der große Gatsby” offenbart sich bei näherer Betrachtung als von allem Ballast der Vorlage befreiter „Malen nach Zahlen”-Hollywood-Baukasten, als eigen-kreiertes, künstlerisches Comic-Tableau ohne Nährwert. Baz Luhrmann und Craig Pearce enttäuschen als Drehbuchautoren, wenn es darum geht, der modernen Umsetzung von der „Große Gatsby” die entsprechende Seele zu verleihen. Bei aller oberflächlichen „Schönheit” leidet Baz Luhrmanns Film vor allem an einer auffällig austauschbaren, zu Beginn sehr offensichtlichen „Laissez Faire”-Dramaturgie und versackt am Ende Dank des dramatisch vorgetragenen Niedergangs Gatsbys im tieferen Hollywoodklischee.

Das alles wäre zu verschmerzen, würde sich Baz Luhrmann als Regisseur auf die Stärken der Vorlage von Fitzgerald schon in den ersten, etwas schwierig zu ertragenden 30 Minuten Laufzeit besinnen würde, nämlich auf das Sezieren und die Entlarvung der als Gegenpol zu Gatsby konzipierten, wohl oberflächlichsten Schickeria der 20er Jahre, welche in Sachen Arroganz und Selbstverliebtheit auch heute wohl kaum übertroffen werden könnte. Dadurch erhält Fitzgerald´s „Der große Gatsby” einen zeitlosen Anstrich. Doch leider setzt Baz Luhrmann bei der Ausleuchtung der Gesellschaft im Gegensatz zu Fitzgeralds Vorlage mehr auf die emotionale Komponente. Und vergisst darüber hinaus den tieferen Inhalt.

Der Wille bzw. Hang zur Satire, Überspitzung, Entlarvung, Dämonisierung und „Cartoonisierung” der vorherrschenden Gesellschaft als Gegenpol zu Gatsby ist zwar jederzeit spürbar, jedoch „zeigt” Baz Luhrmann diese nur oberfläch-visuell, er leuchtet wirr Ecken und Kanten aus ohne auch nur ein einziges per Script generiertem Dialog darauf einzugehen, warum die dekadent skizzierte Gesellschaft so ist wie sie ist. Nämlich auf Grund von schweren zwischenmenschlichen und wirtschaftlichen Krisen / Repressalien. Prohibition, Prostitution etc. Ja, selbst Martin Scorsese verstand es mit seiner auf BluRay Disc erscheinen Kurzserie“Bordwalk Empire” besser, sich diesen thematischen Aspekten zu widmen und sich mit ihnen auseinanderzusetzen. In der „Große Gatsby” finden sie nicht einmal eine kurze Erwähnung. Den Hass der Gesellschaft auf Gatsby bekommt man schon zu Beginn nur wenig zu spüren. Da so leider keine Gegnerschaft im schematischen Story Konstrukt etabliert wird, bleibt dem Publikum auch ein emotionales Polster zum mitfiebern mit Leonardo Di Caprios Gatsby verwehrt. „Der große Gatsby” versprüht jederzeit eher den Charme von breitbeinigem „Show”-Charakter. Die thematische Auseinandersetzung mit dem Hass der Gesellschaft auf Gatsby findet leider erst später in der Auseinandersetzung mit Tom Buchanan (solide verkörpert von Joel Edgerton) statt.

Und ebenso wie Joel Edgerton müssen sich dann Carey Mulligan und Leonardo Di Caprio als Gatsby allem dramturgischem Duktus von Baz Luhrmann unterordnen. Und sich in ihrem Spiel und der Wirkungsweise auf das Publikum stark einschränken lassen. Ebenso wird ab und an dem Publikum durch die erdrückende und verlockende Macht der Bilder die Luft zum atmen, ja zum nachdenken über das Gezeigte genommen. Schnitt, Schuss, Gegenschuss … Baz Luhrman erzählt in „Der große Gatsby” vordergründig viel, in Wirklichkeit thematisch aber sehr sehr wenig. Und man verliert als Betrachter unglaublich schnell den Zugang zum Film, sollte man inhaltlich nicht ständig am Ball / in auch nur einem Moment nicht konzentriert in der „Große Gatsby” bei der Sache sein .

You always look so cool. The man in the cool, colored shirts.” – Für das Publikum kann alle thematische Streiterei zwischen den Protagonisten auf Dauer dabei hin- und wieder ebenso ermüdend wirken. Zwischen allem zelebriertem Glitter und Glamour scheint sich Baz Luhrmann als Regisseur sehr wohl zu fühlen, seine visuelle oberflächlich-skizzierte „Schickeria” der 20er Jahre erweist sich dabei leider als triviale(r) McGuffin / Staffage, um sich lediglich dem zwischendurch groß aufgeführtem, emotionalem Theater und der am Ende vorherrschenden Dramatik / Theatralik unterordnen zu müssen. Denn am Ende von „Der große Gatsby” weiß man natürlich, wer gerechterweise hätte „filetiert” werden müssen und wen es ungerechter Weise getroffen hat. Plakativer geht es nicht mehr.

Handelt es bei Baz Luhrmanns „Der große” Gatsby um „großes, emotionales Kino?” Die Antwort lautet: Nein, das tut es nicht. Denn dafür müsste „Der große Gatsby” den Vergleich mit den Messlatten im Genre „Drama” bestehen können. Im Grunde genommen wiederholt Baz Luhrmann mit „Der große Gatsby” nur das inhaltlich althergebrachte, was im weit besser inszeniertem und freiräumigeren Welterfolg von James Cameron, also „Titanic”, immanent ist. Er essenzialisiert lediglich (wieder einmal) die Tragik einer großen Liebe, welche Dank der Kluft zwischen „Arm und Reich” einfach nicht sein darf. Solch eine Thematik erfreut sich beim Publikum natürlich nach wie vor großer Beliebtheit (was sich im positiven Sinne wahrscheinlich niemals ändern wird), Baz Luhrmann hat es mit „Der große Gatsby” als „Marketing Cashcow” also nicht schwer, einen Draht zur Psyche des Publikums zu finden.

„Der große Gatsby” ist im Grunde genommen bis zum Ende hin recht hübsch anzuschauen. Nur setzte James Cameron seinen „Tragik- Klassiker” anno 1997 trotz Überlänge weitaus packender, dynamischer und luftiger in Szene… „Der große Gatsby” wirkt in Sachen Inszenierung / seiner kompletten Laufzeit über einfach zu steif und verkopft, zu Dialog-verliebt, breitgetreten bzw. regelrecht zerdehnt. Baz Luhrmanns „Der große Gatsby” offenbart sich zwar nicht als allzu schlechter Film, verliert den Vergleich mit James Camerons Messlatte des Genre aber deutlich und offenbart sich am Ende nicht als (wieder einmal) unvergessenes „chick flick”, sondern als reines „Auf Nummer Sicher – Kino”, als „wannabe chick flick”, welches permanent gegen die ihm eigene, anhaftende Bedeutungslosigkeit ankämpfen muss. „Der große Gatsby” kann sich nie von dem Schatten seiner großen Vorbilder lösen. Und wird alsbald qualitativ, nicht kommerziell, in Vergessenheit geraten.

Die wohl schönste Szene des gesamten Films beschert Baz Luhrmann dem Betrachter in ausgerechnet „magischen” 10 zelebrierten Minuten, wenn Leonardo di Caprio und Carrey Mulligan in ihren Rollen zum beeindruckenden Score von Lana Del Rey der eigenen Wiedersehensfreude fröhnen dürfen. Gleichzeitig bringt diese Szenerie aber auch die gesamte Schwäche / Stimmung von „Baz Luhrmanns” Film auf den Punkt. Baz Luhrmann hat im wahresten Sinne des Wortes „Angst” vor der Liebe, Angst davor, die eigenen Regisseurs-Zügel loszulassen, den zelebrierten Showcase einmal hinter sich zu lassen und sich dem Publikum zu öffnen um das eigentlich, neben allem inhaltlich ausgeblendetem, banale recht vorexerzierte Storykonstrukt wenigstens für einen Moment mal auszublenden .

Baz Luhrman lässt das Publikum in Erwartung schwelgen, das Daisy Gatsby die eigene große Liebe gestehen muss… Und schlussfolgert, dass Daisy Gatsbys Hemden als Ausrede dafür benutzen muss, ihm nicht sagen zu können, das sie ihn liebt. Der Grund, warum Daisy Gatsby erst liebt, später aber „anscheinend” nicht mehr und nach seinem „Ableben” nicht einmal mehr ein Wort des Dankes für ihn übrig hat, ist aber ein weitaus anderer und schlimmerer, wie man noch erfahren wird. Und dies wird dann mit viel „Tam Tam” vorgetragen, wenn es für den Betrachter bereits zu spät dafür ist… Denn Carey Mulligan ist wie ihr Pendant Kate Winslet in „Titanic” in einer reichen Oligarchie gefangen, aus welcher es kein entrinnen gibt.

Diese Oligarchie verbietet ihr die Liebe. Baz Luhrmann bringt dies aber nicht wie einst James Cameron in seinem Welterfolg „Titanic” zur „richtigen Zeit” (und immer wieder) auf den Punkt, in welcher der Betrachter behutsam im Herzen getroffen wird, sondern verschweigt die Gründe der „Oligarchie” dem Publikum in der „Große Gatsby”, wenn Daisy von Gatsbys Hemden spricht. Und verbaut dem Publikum so in emotionaler Hinsicht den Zugang zu seinem Film, verwehrt diesen den wahren, zu erlebenden Herzschmerz. Man wird regelrecht aus „Der große Gatsby” herausgerissen.

Baz Luhrmann begeht ebenso einen emotionalen, sondern auch inhaltlich kastrophalen Inszenierungs-Fehler. Konsequenz: Die gesamte, magisch wirkende, behutsam aufgebaute Szenerie stürzt wie ein Kartenhaus in sich zusammen, man fühlt als Betrachter nur übrig gebliebene Leere und Kälte…Dem eigenen Anspruch, emotional und inhaltlich großes Kino dem Publikum näher bringen zu wollen, können die Macher also über die volle Distanz nicht mehr gerecht werden. Da helfen im nachhinein auch Leonardo Di Caprios berühmt-berüchtigte, dramatische „Acting-Attacken” bzw. sein tolles Spiel, welches den Film noch rettet, nicht mehr…Schade…Mit Baz Luhrmans“Der große Gatsby” bleibt am Ende also emotional solide bis übertriebene, hübsch-bebilderte, sorgsam gewollt-inszenierte, vorhersehbares, mittlemäßiges, langatmiges und inhaltlich nicht ausreichende Kinokost übrig, welche nach wie vor eher kontroversen Diskussionen, als einem vollständig zufriedenem Kinopublikum, bestehend aus sämtlichen Zielgruppen, zur Zufriedenheit genügen dürfte…

  



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