KRITIK

Deadpool

Bild (c) 2016 Twentieth Century Fox.

Bild (c) 2016 Twentieth Century Fox.

Der Comic ist ein generationenübergreifendes Medium. Die Comicverfilmung damit auch? Was passiert bei den Comic-erfahrenen Filmfans, wenn ein neuer Comicheld mit großer Lust durch eine dünne Rachestory mordet, sich dabei selbstreferenziell an sein Zielpublikum wendet und somit den ersten Sargnagel an ein derzeit vor Kraft und Fitness nur so strotzendes Filmgenre setzt? Kopfschütteln. Theaterkenner dürften diese Herangehensweise der Selbst-Parodie kennen. Aus dem Boulevard-Theater: Die Hauptfigur wendet sich auf der Theaterbühne an das Publikum und fragt: „Glauben Sie wirklich, dass das jetzt die beste Lösung war?“ Auch dem Kino ist die Parodie nicht unbekannt. Dass aber dieser Dolchstoß auf der intellektuellen Bodensatztiefe des Boulevards ausgerechnet von einer Figur ausgeführt wird, die im mittlerweile kaum mehr überschaubaren Comichelden-Universum ihr Debüt feiert, ist zumindest … ungewöhnlich.

Deadpool ist ungewöhnlich. Also die Titelfigur. Wie auch der ganze Film. Denn wohin die Reise bei Marvels jüngstem (Anti-)Helden geht, wird bereits mit der Eingangssequenz deutlich: Mit der sonst üblichen Auflistung der Schauspieler und Verantwortlichen tauchen bei Tim Miller keine Namen sondern (durchaus despektierliche) Bezeichnungen der „üblichen Verdächtigen“ innerhalb einer Comicverfilmung auf, also „Biggest Idiot in the world“, „Bad Ass“, „Best Buddy“, „Love Interest“, „Villain“ u.s.w.. „Heranschmeißen“ nennen das Einige. Weniger freundlich „anbiedern“ die anderen. Aber es wirkt. Selbst in der (wie so oft bei einer Comicverfilmung gut besuchten) Pressevorführung waren bereits an dieser Stelle vereinzelt Gemütsäußerungen wie „cool“ oder „geil“ im Publikum zu hören.

Szene_DeadpoolNachvollziehbar, dass demnach die Titelfigur kein verwöhntes Milliardärs-Söhnchen („Batman“, „Iron Man“) oder ein bei liebevollen Zieh-Eltern aufgewachsenes Alien-Kind („Superman“) ist. Wade Wilson, überzeugend dargestellt von Ryan Reynolds („ich hoffe, mein Superhelden-Kostüm ist nicht grün„), ist ein Kind aus so genannten „schwierigen Verhältnissen“. Ein vom Vater misshandelter, schwer tätowierter Schläger, der früh seinen eigenen Weg finden musste. Wade fand seinen (Aus)Weg bei der US-Army, wurde zum Elitesoldaten und schlägt sich nach einem unrühmlichen Austritt als Kleinganove und Auftragsschläger durch. Seine Aufträge erhält er – na klar – in einer Schlägerspelunke, in der er auch seine große Liebe Vanessa (Morena Baccarin), eine Prostituierte mit großem Herzen kennenlernt.

Auf dem Gipfel des privaten und beruflichen Glücks erhält Wade die Diagnose: „Krebs“. Und ausgerechnet ein dubioser Rekrutierer (Jed Rees) führt ihn mit einem verlockenden Angebot in die Fänge eines sadistischen Wissenschaftlers (Ed ´The Transporter` Skrein), der mit der Widerstandsfähigkeit menschlicher Körper experimentiert. Durch eine schwere Explosion wird Wade unverwundbar. Ja, ihm wachsen sogar abgetrennte Gliedmaße wieder nach. Aber durch die Explosion schwer enstellt, will er seiner großen Liebe nicht mehr gegenübertreten und taucht bei einer blinden, älteren Dame (Leslie Uggams) unter. Bei ihr wird er zu „Deadpool“.

Szene_Deadpool_2Was hat die eindrucksvolle Anzahl an Comic-Helden nicht schon für Verfilmungen über sich ergehen lassen müssen: Die Palette reicht dabei vom sensiblen Außenseiterdrama über die gesellschaftliche Diskriminierung von Mutanten (X-Men, 2000; Hulk, 2003) über Actiondramen mit unfreiwillig komischem Trash-Appeal (Catwoman, 2004) bis hin zu Filmen mit peinlichen Arthouse-Ambitionen (Watchmen, 2009), vom Teenfilm (Sky High, 2005) bis zur Romantic Comedy (My Super Ex-Girlfriend, 2009), von bunter Familienunterhaltung (The Incredibles, 2004) bis hin zu düsterer Sozialkritik (The Dark Knight, 2008).

Neben Kick-Ass von Matthew Vaughn aus dem Jahr 2010, diese sehr ähnliche, alberne, ständig mit Tabubrüchen kokettiernde, auf substanzlose Coolness getrimmte Actionkomödie gesellt sich nun eine Meta-Komödie, mit einem Anti-Helden, dessen clownesker Drang gegen die Comicwelt, in der er lebt, anzuquasseln genauso unverwüstlich zu sein scheint wie sein eigener Körper. Deren ausgestellter Irrwitz, für den gleich vier Autoren verantwortlich zeichnen, bereits nach einer Stunde so gehörig die Puste ausgeht, dass selbst immer neue Mutanten (Angel Dust, Colossus, Negasonic Teenage Warhead) dem infantilen Rache-Treiben stets neues Futter geben müssen.

Hat die Comic-Verfilmung das verdient? Den totalen Eskapismus? Einen selbstreferenziellen Helden, einen dauerquasselnden, infantilen Selbstdarsteller, der mit den Bausteinen des Superhelden-Films um sich wirft, diese parodiert und wieder neu arrangiert wie ein 10-jähriger? Wer diese Frage mit: „Ich kann es kaum erwarten, diesen Helden zu treffen“ beantwortet, der sollte sich mit Marvel-Mastermind Stan Lee im Film seltsam deplaziert außerhalb des Geschehens und unbeholfen an das DJ-Pult stellen, sich somit in die Niederungen des Boulevards begeben, um den ersten Schritt zum Untergang der Comicverfilmung beizuwohnen. Der erst Sargnagel wäre damit eingeschlagen. Danke für Nichts, Deadpool!

 

Kritikerspiegel Deadpool



Gian-Philip Andreas
Westfälische Nachrichten
4/10 ★★★★☆☆☆☆☆☆ 


Christian Gertz
nadann... Wochenschau, mehrfilm.de
3/10 ★★★☆☆☆☆☆☆☆ 


Stefan Turiak
WIDESCREEN, triggerfish.de
7/10 ★★★★★★★☆☆☆ 


Julius Zunker
kinofans.com
8/10 ★★★★★★★★☆☆ 


Durchschnitt
5.5/10 ★★★★★½☆☆☆☆ 


Noten zu weiteren aktuellen Kinofilmen findest Du in unserem Kritikerspiegel Februar.



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