KRITIK

Das Schicksal ist ein mieser Verräter

Bild (c) Twentieth Century Fox Germany.

Bild (c) Twentieth Century Fox Germany.

Auf der ersten Seite seines gleichnamigen Weltbestsellers weist John Green ausdrücklich darauf hin, dass dieses Buch kein Krebsbuch ist. Vermutlich ein notwendiger Hinweis, denn lebensbejahende Romane über die zumeist tödlich verlaufende Krankheit gibt es zuhauf. Und auch auf so ziemlich jede Altersgruppe exakt abgestimmt. Da mag der Hinweis, sich bewusst von dem Status „Krebsbuch“ zu distanzieren, vielleicht ein raffinierter Schachzug sein. Schlussendlich mündet er doch in den abgedroschenen Appellen, jeden Moment auf den letzten Tropfen auszukosten und sich an den kleinen Dingen des Lebens zu erfreuen; ganz so, wie es vor allem auf autobiographische Schicksalsberichte zumeist zutrifft.

Im Falle von „The Fault in our Stars“, wie das schwarzhumorige Drama im Original heißt, ist die Ankündigung, kein Krebsbuch zu sein, allerdings keine leere Versprechung. Angestachelt von der formidablen Romanvorlage kreiert Regie-Neuling Josh Boone die tonal dazu passende Leinwandadaption: keinen Krebsfilm, sondern eine Romanze vor todkrankem Hintergrund möchte man den erst kürzlich von der deutschen Filmbewertung FBW mit dem „Prädikat besonders wertvoll“ ausgezeichneten Genremix nennen, der zwei Stunden lang pure Emotionen auf die Leinwand bringt. Im Mittelpunkt steht nicht nur das zuckersüße Leinwandpaar, sondern eine packende Erzählung über Liebe, wahre Werte und das Schicksal, das eben manchmal auch ein mieser Verräter ist.

Die Palette an Gefühlsregungen, die das Drama von der Exposition bis zum Finale bedient, reicht vom buchstäblichen himmelhochjauchzend bis zu Tode betrübt. Regisseur Josh Boone, der bislang lediglich für die hierzulande ausschließlich im Heimkino erschienene Romanze „Love Stories“ verantwortlich zeichnete, scheint sich damit bewusst auf kein Genre festlegen zu wollen. So arrangiert er humorige Sequenzen mit derselben Inbrunst, mit der er die bittersüßen und tieftraurigen Momente inszeniert. „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ ist keine Komödie, doch ebenso wenig ein Drama. Beide Genres gehen Hand in Hand und werden von einem grandios aufspielenden Cast zum Leben erweckt, der die Tragweite des Stoffes genau einzuschätzen weiß.

Szene_Schicksal_VerraeterDas Skript von Scott Neustadter und Michael H. Weber („The Spectacular Now“), das sich zur Erleichterung vieler Liebhaber der Romanvorlage sehr stark am Buch orientiert, ist so fein auf das Gefühlsleben seiner Protagonisten abgestimmt, dass die Darsteller fast intuitiv agieren können. Dabei ist der Film frei von jeglichem Kitsch und provoziert aktiv weder Tränen noch laute Lacher. Stattdessen setzen sowohl das Skript als auch die Inszenierung auf die Authentizität der Prämisse und die damit einhergehende Gefühlswelt eines jeden Zuschauers. Die Geschichte verkommt nicht zum tränenziehenden Schmachtfetzen, sondern spielt auf so ehrliche Art und Weise mit einer solchen Bandbreite an Empfindungen, dass es schon bald ziemlich schwer fällt, sich vom Leinwandgeschehen zu distanzieren.

Im Mittelpunkt der Story, welche die Umstände der Krebserkrankung beider Hauptbeteiligter nicht etwa als Dreh- und Angelpunkt, sondern vielmehr als eine von vielen Rahmenbedingungen nutzt, steht die Liebesgeschichte von Hazel und Gus. „Divergent“-Amazone Shailene Woodley mimt die zumeist ungeschminkte und mit einem zwar unauffälligen aber visuell stets präsenten Atemschlauch ausgestattete Hazel ebenso tough wie zerbrechlich und legt dabei eine wunderbare Natürlichkeit an den Tag. Dennoch ist ihre Figur nicht bewusst auf Unauffälligkeit angelegt, sondern versteht es vielmehr, mit Charakter anstatt mit exzentrischem Auftreten zu überzeugen.

Das Zusammenspiel mit Ansel Elgort („Carrie“) elektrisiert und ist geprägt von einem ungezwungenen Umgang und einer tiefen Vertrautheit. Wenn Gus Hazel anlächelt, hat das Frohlocken in seinem Blick nichts mehr mit Schauspielerei zu tun, sondern ist von ehrlicher Sympathie für sein Gegenüber. Nat Wolff („Happy New Year“) gefällt als leicht naiver Sympathieträger und legt ebenfalls eine ungeheure Spielfreude an den Tag. Gemeinsam bilden die drei Jungakteure ein tolles Trio, das dem Begriff „stimmende Chemie“ ein Gesicht verleiht. Unter den Erwachsenen stechen vor allem Laura Dern („The Master“) als mal mit dem Schicksal hadernde, mal es in Kauf nehmende Mutter Hazels sowie Willem Dafoe („Grand Budapest Hotel“) hervor. Letzterer schlüpft in die Rolle eines echten Scheusals, das ihm verdammt gut zu Gesicht steht und das sich trotz seiner leicht überzeichneten Ausrichtung schlüssig in die Szenerie einfügt.

Mal lesen sich die todkranken Jugendlichen gut gelaunt ihre Grabreden vor, in der nächsten Szene werden die Figuren und das Publikum mit einer niederschmetternden, das Leben für immer verändernden Diagnose konfrontiert. Wann immer das romantische Drama Gefahr läuft, das Leben zu rosarot zu zeichnen, muss sich ein jeder mit dem Schicksal unserer nach und nach zu Freunden werdenden Hauptdarsteller auseinandersetzen. An den oft harten Tonfallwechseln, die Josh Boone dosiert auf den Zuschauer loslässt, hat das Publikum im ersten Moment oft schwer zu schlucken. Doch der Regisseur nimmt, wie schon der Romanautor, kein Blatt vor den Mund und orientiert sich weder an Sehgewohnheiten, noch an Erwartungshaltungen.

Szene_Schicksal_Verraeter2„Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ ist kein bequemer Film, obgleich sich nie ein Gefühl von Unbehaglichkeit einstellt. So dürfen Tränen der Rührung vergossen werden und auch in Momenten, in denen es eigentlich gar nicht passt, versteckt sich vor allem in den Dialogen hier und da tiefschwarzer Humor. Doch so ungezwungen wie Josh Boone respektive Autor John Greene hat das Tabu-Thema Krebs wohl selten einer behandelt, wodurch der Streifen neben einem inszenatorischen Meisterwerk auch ein wichtiger Film ist, um mit Vorurteilen aufzuräumen.

Der Singer- Songwriter Ed Sheeran schrieb mit „All of the Stars“ den Titelsong zum Film und schafft eine eindringliche Powerballade mit Oscar-Qualitäten. Mike Mogis und Nate Walcott, die beide ebenfalls an „Love Stories“ beteiligt waren, greifen in „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ verstärkt auf Popballaden zurück. Dabei fällt die Wahl jedoch weniger auf konventionelle Radio-Ohrwürmer, denn vielmehr auf Charaktersongs von Künstlern wie Birdy, Lykke Li oder M83. Mit seinen warmen Bildern verpasst Kameramann Ben Richardson („Beasts of the Southern Wild“) der Tragikomödie eine wohlig-unverfälschte Atmosphäre und macht „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ nicht nur aus technischer Sicht zu einem Wohlfühlfilm.

Den ganzen Text zum Film kannst Du auf Antjes Blog „buy-a-movie“ lesen.

 



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