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Dark Blood

Plakat zum Film Dark BloodEs ist Todesmusik“, sagt Boy in einer Szenen von „Dark Blood“, der vielleicht düstersten und suggestivsten eines Films, dessen Regisseur George Sluizer, Filmcrew und Zuschauer alle in dem schamanischen Roadmovies dieser Todesmusik lauschen können. Niemand jedoch mehr als der junge Hauptcharakter, in dessen Adern das dunkle Blut fließt, es sei denn sein Darsteller. River Phoenix verstarb am 31. Oktober 1993, 19 Jahre vor Fertigstellung seines letzten Films und 20 vor dessen Aufführung auf der Berlinale. Einem Auftritt durchdrungen vom Wissen um jener anderen dunkle Seite, von der er erstanden ist.

„Dark Blood“ ist fragmentarisch, zersplittert, lückenhaft. Er muss es sein, weil nur knapp über 80 Prozent des ursprünglichen Skripts gedreht wurden. Als sein Star River Phoenix an einer Überdosis Drogen starb, starben die Fertigstellungspläne für das Materials, das auf eigene Art begraben wurde: im Magazin der Versicherung des Produktionsstudios, das „Dark Blood“ 1999 vernichten wollte. „Sie interessieren sich nicht für Film, sie interessieren sich nicht für Kultur“, bedauert Sluizer auf der Pressekonferenz. „Sie interessieren sich für Geld.“ Sein unvollendete Kunstwerk aus war ihnen die Lagerkosten nicht wert. Der Entsorgungsaufwand blieb der Versicherung erspart, denn die Relikte waren mittlerweile abhanden gekommen. 2012 liefen sie dennoch wie durch Zauberei auf einem niederländischen Festival. „Magie ist nur eine Frage der Willensfokussierung“, sagt Boy einmal.

Du bekommst nicht was du willst, weil du Glück hast. Du bekommst es, weil du es willst.“ Rechtlich gehört George Sluizer das Werk, nicht aber dessen Negative – rechtlich… „Ich bin ein unternehmungslustiger Mensch“, sagte Sluizer der Presse. Und, dass er Leute kenne, die clever darin seien, den richtigen Schlüssel zu finden. Den wichtigsten Schlüssel besaß er selbst: den Schlüssel zu dem kryptischen Kinokunstwerk, das er in der mündlichen Einleitung mit einem zweibeinigen Stuhl vergleicht: „Ich habe nun das dritte Bein darangesetzt. Wir werden nie das vierte sehen, aber wenigstens kann der Stuhl nun stehen.“ Seine Worte betonen das Unfertige und Fragile der cineastischen (Re-)Konstruktion, deren Stand ein permanenter Balanceakt ist. Ein Equilibrium, dem man sich vorsichtig nähert.

„I know what to do when your sad and lonely,
I know what to do when you love her only…
I know what to do you do voodoo.“
(Chris Isaak)

Szene aus dem Film Dark BloodMan kann „Dark Blood“ nicht rezensieren, nur die Atmosphäre morbider Mystik in Jim Bartons Drehbuch preisen und die hypnotische Weite von Ed Lachmans Kamerabilden aus der Wüste Utahs. Im Film wird sie zu der Arizonas, die Buffy (Judy Davis) und ihr Ehemann Harry (Jonathan Pryce) durchqueren. Der verklemmte Schauspieler und das alternde Ex-Playboy-Bunny verkörpern die angloamerikanische Massenkultur, abgekapselt in ihrem trivialen Konflikt zwischen eingebildeter Überlegenheit und desorientiertem Selbstbestätigungsdrang. Sie kommen aus Hollywood in einem Bentley, der zu sehr einem Kinorequisit ähnelt, um in der Realität zu funktionieren. Bei der ersten Panne warnt sie eine Hotelbesitzerin (Karen Black), deren stummer Sohn (Lorne Miller) das Auto repariert, „dem Licht“ fernzubleiben. Es ist die flimmernde Wüstensonne, unter der sie die zweite Panne haben, die radioaktive Strahlung des Atomtestgebiets und Boys Barackenlicht.

Der junge Einsiedler (Phoenix) rettet sie vorm Verdursten und lässt sie nicht mehr ziehen: um mit Buffy die Apokalypse zu erwarten, die in dem durch die Weißen vergifteten und von den Navajo verfluchten Land längst eingetreten ist. Der Konflikt von spiritueller Naturverbundenheit und zivilisatorischer Repression ist der tote Winkel des allegorischen Plots, der so finster, pulsierend und lebendig ist wie sein Titel: „Dark Blood“.

 

Kritikerspiegel Dark Blood



Lida Bach
filmrezensionen, Title-Magazin
9/10 ★★★★★★★★★☆ 


Frank Brenner
choices, FRESH, etc.
5/10 ★★★★★☆☆☆☆☆ 


Christian Gertz
nadann... Wochenschau für Münster
8/10 ★★★★★★★★☆☆ 


Durchschnitt
7.5/10 ★★★★★★★½☆☆ 


Weitere Noten zu aktuellen Kinofilmen findest Du in unserem monatlichen Kritikerspiegel.

 



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