KRITIK

Dancer in the Dark

Dancer in the Dark In gute Filme guter Regisseure taucht man schon am Anfang ein und man verlässt sie am Ende nur widerwillig; die Welt außerhalb des Kinosaals erscheint unwirklicher, in jedem Fall ferner als die, in der wir gerade noch unterwegs waren. Anders sieht es bei schlechten Filmen guter Regisseure aus: Wird hier das erhoffte, erwartete, an der Kinokasse erworbene Versprechen auf einen Weltenwechsel nicht gleich zu Beginn eingelöst, ergeht man sich nicht allein in saurem Klagen, man versucht gleichzeitig zu erklären, warum es zu dieser Enttäuschung kommen konnte, dem Desaster.

In Lars von Triers „Dancer in the Dark“ kam diese Enttäuschung, hatten doch er und seine Dogmatiker-Kollegen in den vergangenen Jahren mit wirklich neuen Filmen für angemessenes Aufsehen gesorgt; und so manchen Kinogänger über die Teenie-Filmchen-, Pseudo-Splatter-, Historien-Lügenschinken- oder Langeweile-Aktion-Durststrecken hinweggetröstet, die mit beinahe jeder Hollywood-Produktion immer länger werden. Was so enttäuschte waren allerdings weniger Machart oder Schauspieler, es war der hanebüchene Plot und die diesen Plot realisierenden Charaktere. War „Breaking the Waves“ schon hart an der Grenze zum moralinsauren Melodram, stürzt sich die im Film zunehmend erblindende Tänzerin im Dunkel Björk mit Haut und Haar ins immer heller aufscheinende Zentrum der omnipräsent schwülstigen Hollywood-Lüge bunt ausgemalter Schwarzweiß-Welten. Und die Zuschauer reagieren wie immer mit Jawoll, recht so! oder selig salziger Flüssigkeitsabsonderung; oder flüchten aus dem Dunkel des Kinosaals.

Nun ist ein Film ja nicht schlecht, wenn den Zuschauern beispielsweise die Tränen kommen, doch wenn kollektiv ins Weiße geschnäuzt wird, weil der Regisseur aufs salzige Wässerchen gesetzt hat, dann lässt sich wohl mit Recht fragen – und einige wenige Kritiker taten solches – ob hier nicht ein Publikum verarscht, pardon, betrogen wird. Und zwar in unverhohlen platter Weise über die aus Krokodilstränen gekleisterte Schicksalhaftigkeit von Welt: Wer arm ist, ist krank und allein und wird ungerecht behandelt und bleibt dennoch ein aufrechter Mensch bis zum Ende – Punkt. Das ist der Stoff, mit dem Courths-Mahler, Pilcher und Co. Millionen zum seligen Weinen bringen und mindestens gleichviel zur Bank. Darf solches auch ein Lars von Trier?
Anrührend sei der Film, so der Verleiher, unerträglich, findet der Kritiker. Vielleicht versteht man das Desaster etwas besser, wenn man weiß, dass sich Regisseur von Trier und Hauptdarstellerin Björk wohl nicht nur auf dem Set heftig gestritten haben. Zwei Protagonisten=zwei Diven=zwei Filme? Neben oder über dem furchtbaren Kitsch, allerdings gekonnt in diesen hineingeflochten, stehen mehrere Videoclips, Gesangs- und Tanzszenen von surrealer Kraft, Selmas, nein Björks Inszenierungen von Tagträumen, Fluchtwelten, immer wieder aufstrahlende Schönheit in der dahingekleisterten Gut-/Bösemenschenwelt. Einhundert Kameras fuhr von Trier hier auf, zweitausend hätte er gerne gehabt. In den video-unscharfen Bildern entwickelt „Dancer in the Dark“ wirkliches Gefühl und eine Bilderästhetik, die wirklicher Traum und reale Wirklichkeit zugleich sind; was allein dem Film eine gewisse Berechtigung gibt – der ansonsten nervig tumben Björk sei es gedankt! Und die dankt es ihren Fans, die fleißig ihre „Selmasongs“ kauften … eine Hand wäscht schließlich die andere.



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INHALT

Die Geschichte, auf ihre Klischees verkürzt: Selma, tschechische Immigrantin und erblindende Akkordarbeitein, schuftet sich (tatsächlich) zu Tode, um dem 10-jährigen Sohn (Vladica Kostic), der natürlich auch diese Augenkrankheit besitzt, eine teure Operation zu ermöglichen. Die Zeit drängt, Selma übernimmt zusätzlich die Schichten anderer Frauen, ihre Arbeit an der stampfenden Maschine nimmt unter dem ständig steigenden Druck an Gefährlichkeit zu. Bald hat sie das Geld bis auf den letzten Dollar zusammen, doch ihr Erspartes wird, einen Tag vor der Reise zum Arzt gestohlen - nicht von einem miesen Ganoven, sondern von dem unglücklichen, gleichfalls unter Druck stehenden Nachbarn, dem Polizisten Bill, der seiner Frau Linda von einer Erbschaft vorgelogen hat, die diese unverdrossen ausgibt. Da Bill sich Selma und sie sich ihm anvertraute, weiß sie, wer sie bestohlen hat. In der Zuspitzung dieses überaus konstruierten Konfliktes tötet Selma Bill schließlich; auch auf sein Drängen hin, da er die Schande lebend nicht ertrüge. Vor Gericht gestellt schweigt Selma trotz Aussicht auf ihre Hinrichtung, und hält sich damit an das Versprechen, dass sie Bill in ihrem letzten Gespräch gegeben hatte. Den winzigen Funken Hoffnung für eine Wiederaufnahme des Verfahrens bringt Selma selbst zum Ersticken, die Verfahrenskosten wären (exakt) so hoch, wie die Summe des für die Operation nötigen Geldes. Selma wird der Strick um den Hals gelegt, die Klappe öffnet sich, Schluss.
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Eure Kritiken zu Dancer in the Dark

  1. Kleine

    DramusicalNicht der beste Film von Trier, aber sehr gut im Übergang von Drama zu Musical. Die Tanzszenen (z.B. auf dem fahrenden Zug) sind sehr gut, und selbst die Nicht-Schauspielerin Björk spielt gut.

    Über das Ende am Strick haben wir uns gestritten, moralisch und politisch! und das wollte der Film!

    Von den Bildern nicht so provokativ wie die Dogmafilme trotz vieler Anleihen; von der inhaltlichen Provokation nicht stark wie „Breaking the waves“, aber besser als viele sentimentale und moralische Amistreifen.

    Sollte man schon gesehen haben!

  2. Andreas

    Ich mag Filme nicht…… die auf einer Verkettung unglücklicher Zufälle beruhen, die die Hauptdarsteller in Situationen bringen aus denen es keinen Ausweg gibt etc.

    Dies macht den Film von der Qualität her nicht unbedingt schlechter, aber mein Geschmack ist das nicht

  3. Angelina

    daumen hoch, der film zeigt das auch leute die unschuldig umgebracht werden. sie wollte doch nur ihrem sohn helfen. und dafür ist sie auch gestorben ich hab angefangen zu weinen wo selma tot war ! 🙁 Daumen hoch ! aber scheiß todesstrafe 🙁

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