KRITIK

Crazy Heart

Crazy Heart Wer erinnert sich nicht gerne an Jeff Bridges` brillante Vorstellung als „Der Dude“ im genialen Coen-Meisterwerk „The Big Lebowski“? Schon allein aus diesem Grund ist es immer wieder ein besonderes Erlebnis, US-Schauspieler Jeff Bridges in einer in den letzten Jahren rar gewordenen Hauptrolle zu bewundern. In Scott Coopers fiktivem Musikerdrama „Crazy Heart“ zeigt Bridges die wohl stärkste Vorstellung seit Jahren.

Der vom Leben gezeichnete Vollblutmusiker Otis „Bad“ Blake (Jeff Bridges) tourt durch die USA. Doch der einst gefeierte Country-Star tritt nicht in Stadien oder Konzerthallen, sondern in Kneipen, Countryclubs und Bowlingcentern auf. Nahezu parallel zu seiner ehemals großen Karriere als Musiker, ging auch sein Privatleben bergab. Die Gründe: Vier geschiedene Ehen, einen Sohn, den er seit Jahrzehnten nicht gesehen hat und ein massives Alkoholproblem. Letzteres bestimmt mittlerweile sein komplettes Dasein. Er tourt von Ort zu Ort, von Hotel zu Hotel, von Vollrausch zu Vollrausch. Selbst während der Auftritte hängt er an der Flasche und scheut sich auch nicht, mitten im Song die Konzerträumlichkeiten zum ausgiebigen Kotzen zu verlassen. Erst als er die bildschöne, allein erziehende Mutter Jean (Maggie Gyllenhaal) kennen lernt, scheint es wieder bergauf zu gehen. Als er dann auch noch bei einem großen Konzert seines ehemaligen Zöglings Tommy Sweet (Colin Farrell), der mittlerweile zu landesweitem Ruhm gelangt ist, als Vorsänger auftreten darf, scheint sich das Blatt endgültig zu wenden. Doch Bad Blake unterschätzt die Macht seines Alkoholproblems…

Allein der Beginn des Films kommt einem Meisterstück der Figurenzeichnung gleich. Bad Blake steigt samt Kippe und mit Urin befülltem Kanister aus seinem alten Pick-up-Truck, um kurz darauf mit einem markigen One-Liner den Kanister auf den Boden zu entleeren. Als nächstes betritt er den Ort des Auftritts, ein Bowlingcenter. Das erste, was ihm dort in den Sinn kommt, ist die Bestellung eines Whiskeys. Er ist enttäuscht, als er von der Barfrau und vom Veranstalter erfährt, dass die Getränke in seinem Vertrag nicht frei sind. Widerwillig bezahlt er und begibt sich zum Hotel, wo er auf der Couch relaxt, säuft und mit stets offener Hose Pornos konsumiert. Proben vor seinem Auftritt hält er nicht für nötig, lieber säuft er weiter, um schließlich völlig fertig auf der Bühne zu erscheinen, seine Songs, inklusive Pause zum Erbrechen, runterzuleiern und schließlich ein gealtertes Groupie abzuschleppen.

Das alles ist, trotz des von Tragik erfüllten Lebens der Hauptfigur, unheimlich komisch. Regisseur Cooper und seinem Hauptdarsteller Jeff Bridges gelingt schon in diesen ersten Minuten bravourös der, den kompletten Film prägende, Spagat zwischen Tragik und Komik. Dies ist, neben der brillanten Figurenzeichnung, die größte Stärke des Films. Von diesen zentralen Säulen muss der Film zehren, da die Story im weiteren Verlauf wenig zu bieten hat. So ist von Beginn an klar, in welche Richtung der Film verlaufen wird. Bad Blake muss seinen Lebensstil drastisch ändern, um zum erwarteten Happy End zu gelangen. Der erste Schritt zu diesem Ziel ist die große Liebe, die das Leben verändert. Danach folgt der Bruch mit eben dieser Hoffnung auf Besserung, da der Antiheld Bad Blake erkennen muss, dass nicht nur der äußere Einfluss von Jean zu besseren Tagen führen kann, sondern auch er selbst sich ändern muss.

Neben dieser Storyline plätschert auch die Karriere vor sich hin, wird von einem Zwischenhoch geprägt und durch die Alkoholsucht wieder gebremst, um am Ende ihre große Widerauferstehung zu feiern. Ähnliche Plots hat man schon häufig in leichter Variation im Kino gesehen. Dass der Film dennoch keinen Schiffbruch erleidet, ist den Darstellern und der bereits erwähnten Figurenzeichnung zu verdanken. Vor allen hervorragenden Darstellern dominiert selbstverständlich Jeff Bridges das Geschehen. Aber auch Maggie Gyllenhaal verleiht als Jean ihrer Liebe zu Blake ein äußerst authentisches Gesicht. Zwar gelangt sie mit Ihrem Spiel nie an den grandios agierenden Bridges heran, weil ihr das Drehbuch nie ausreichend Gelegenheit dazu bietet. Es ist jedoch immer nachvollziehbar, warum sich der gescheiterte Superstar Blake gerade in diese junge Frau verliebt. Selbst der immense Altersunterschied steht nicht störend im Weg. Die Chemie zwischen beiden stimmt an jeder Stelle.

Auch die kleineren Nebenrollen sind namhaft besetzt. So gibt Colin Farrell als Tommy Sweet eine Vorstellung, die ganz im Gegensatz zum Charakter Bad Blake steht. Farrell verleiht seiner Figur, in dem Wissen, dass er seinen Lehrmeister Blake längst überflügelt hat, eine leicht überheblicher Arroganz. Das große Kunststück, das ihm hier hoch anzurechnen ist, ist die Tatsache, dass er seinem Tommy Sweet, trotz der Arroganz die sein Wesen ausmacht, nie den Respekt vor seinem Freund und Lehrmeister Blake verlieren lässt. Einen leisen und, in seiner tiefen Freundschaft zu Blake, sehr rührenden Part übernimmt Produzent und Charaktermime Robert Duvall als befreundeter Barkeeper. Selbst Kinderdarsteller Jack Nation, der Jeans Sohn Buddy verkörpert, meistert seine Aufgabe überzeugend.

Die dritte wichtige Säule, mit der der Film seine wenig originelle Story merklich aufwertet, ist die Musik. Dass diese allerdings so virtuos in Szene gesetzt wird wie in „Crazy Heart“, ist bemerkenswert. Selbst Zuschauer, die mit amerikanischer Countrymusik nichts anzufangen wissen, werden sich dem dichten musikalischen Netz, das der Soundtrack webt, nicht entziehen können. Nicht erst seit Mangolds „Walk the Line“ ist es mittlerweile selbstverständlich, dass die Stars Jeff Bridges und Colin Farrell auch hier ihre Songs selbst singen, was zu einem gehörigen Plus an Authentizität führt.

Auch die Kameraarbeit von Barry Markowitz, die Beleuchtung und der ruhige Schnitt von John Axelrad fügen sich stimmig in das Gesamtkomzept mit ein. Sie wirken nie störend und ragen nicht mit besonderen, verspielten Einfällen heraus.

Zusammengefasst lässt sich einerseits festhalten, dass Scott Coopers Porträt eines abgehalfteren Country-Stars nie sonderlich originell ist. Andererseits ist der Film durch die prägnante Charakterisierung und Entwicklung seiner Hauptfigur, sowie dem hervorragenden Spiel des oscarnominierten Jeff Bridges und der gesamten Riege an Nebendarstellern, als auch durch die Musik von T-Bone-Burnett, der den Film mit-produziert hat, sowie den gelungenen Balanceakt zwischen Komik und Tragik, mehr als sehenswert. Drehbuchautor und Regisseur Cooper gelingt hier das Kunststück, aus einem mittelmäßigen Plot einen herausragenden Film zu machen. Bravourös!



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INHALT

Bad Blake hat nicht nur vier Ehen, sondern bald auch sein Leben hinter sich, das unaufhaltsam in die Selbstzerstörung treibt. Alkohol und Frauen sind die einzige Konstanten, wenn der ehemalige Country-Music-Star gelangweilt durch den amerikanischen Südwesten tingelt. Als er aber Jean, Journalistin und allein erziehende Mutter, kennen lernt, verdrängt Romantik plötzlich die Routine, erlebt der Endfünfziger spätes Familienglück. Doch wie schon früher bleibt er selbst das größte Hindernis, wenn das Mögliche dauerhaft Realität werden soll.
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Eure Kritiken zu Crazy Heart

  1. Sneaker

    Ich durfte den Film schon in der Sneak Preview sehen und kann eure Meinung teilen. Eine grandiose Leistung von Jeff `The Dude` Bridges. Allein wegen dieser Performance (ähnlich Mickey Rourke in the `Wrestler` oder Jamie Foxx in `Ray`) lohnt sich die Kinokarte. Nicht verpassen!

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