KRITIK

Couscous mit Fisch

Couscous mit Fisch Hierzulande ist Abdellatif Kechiche nahezu unbekannt; in Frankreich aber gilt er spätestens nach diesem, seinem dritten Kinofilm als einer der ganz wichtigen neuen Exponenten des neuen französischen Kinos. Sein großes Thema: die Situation von Migranten im laizistischen Frankreich.

In „Voltaire ist schuld“ (2000) ließ er einen Tunesier sein Heil in einer Scheinehe suchen. Im Meisterwerk „L`esquive“ (2003) begleitete er ein Theaterprojekt mit Jugendlichen in der Pariser Banlieue. Und in „Couscous mit Fisch“ (der im Original poetischer „La Graine et le Mulet“ heißt, also: „Das Korn und die Meerbarbe“) porträtiert er, ebenso amüsant wie tieftraurig, die letzte Lebensstation eines vermeintlichen Auslaufmodells. Slimane nämlich, ein 60-jähriger Werftarbeiter in der südfranzösischen Hafenstadt Sète, gespielt vom Laiendarsteller Habib Boufares, wird entlassen und steht plötzlich ohne Aufgabe da. Erst durch den Anstoß seiner Stieftochter Rym (grandios: Hafsia Herzi, die dafür letztes Jahr in Venedig prämiert wurde und später auch einen César erhielt) fasst er einen neuen Plan: Er will einen alten Kahn zum Restaurantschiff umbauen, Spezialität: Couscous mit Meerbarbe. Doch Dünkel, Familienprobleme und bürokratische Herablassung machen seinen Weg mehr als steinig.

Kechiches Ansatz ist annähernd dokumentarisch: In langen, beobachtenden Sequenzen nähert er sich den Figuren, bei Diskussionen und Streit-Schreieren ebenso wie bei Festessen und Tänzen. Schwarzweißmalerei ist seine Sache nicht, und die maghrebinische Einwandererfamilie in dritter Generation keine folkloristische Sinnlichkeitsbande, sondern auseinandergerissen und komplex.

Wie Kechiche sie begleitet, zweieinhalb fesselnde Stunden lang, durch Witz und Pein bis in die Katharsis des physisch auch für Betrachter durchaus erschöpfenden Finales hinein, das sollte man sich mitzuerleben trauen. Herausragend.



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INHALT

Slimane ist etwa 60 Jahre alt. Er ist in Tunesien geboren und lebt nun in einer französischen Hafenstadt. Von seiner ersten Frau und seinen leiblichen Kindern lebt er getrennt, er lebt mit einer neuen Frau und deren Tochter Rym. Als er seinen Job auf einer Werft verliert, drängen seine Söhne ihn nach Tunesien zurückzukehren. Nur Rym kämpft um ihn, drängt ihn ein Restaurant aufzumachen und hilft ihm dabei.
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