KRITIK

Cosmopolis

Plakat zum Film CosmopolisDas filmische Spätwerk des kanadischen Kultregisseurs David Cronenberg wirkt leicht erratisch: Nach dem Mafiafilm „Tödliche Versprechen – Eastern Promises“ (2007) folgte das Psychoanalyse-Dialogstück „Eine dunkle Begierde„. Und jetzt kommt die Abrechnung mit dem Finanzkapitalismus. „Cosmopolis“ basiert auf einem bereits 2003 entstandenen Roman des amerikanischen Großschriftstellers Don DeLillo, der von heute aus betrachtet prophetisch anmutet.

Cronenbergs Film beschreibt im Wesentlichen die Fahrt in einer Stretchlimousine durch Manhattan: Die Hauptfigur lässt sich ausgerechnet ins rabaukige Hell´s Kitchen chauffieren. Für einen Haarschnitt. Die Hauptfigur, das ist Eric Packer, ein 28-jähriger Milliardär und skrupelloser Finanzjongleur der New Economy. Seine Limo aber rollt im Schritttempo durch den Dauerstau von New York: Der US-Präsident befindet sich in der Stadt, ein ermordeter Rapper wird zu Grabe getragen, und eine gesichtslose Horde Kapitalismuskritiker marodiert durch die Straßen.

Szene aus dem Film CosmopolisZeitpunkt der Handlung: Anfang der Jahrtausendwende, um 2000 und keineswegs in unseren Occupy-Zeiten kollabierender Finanzmärkte. „Cosmopolis“ rollt dahin wie in Trance: In einer Abfolge bühnenstückähnlicher Sequenzen steigen nymphomane Galeristinnen (Juliette Binoche), philosophierende Analystinnen, die Ehefrau, ein Proktologe, Freunde und Kollegen entweder in Erics spaceshuttlegleiche Limousine ein oder aber werden von ihm besucht. Im Zentrum steht dabei das Wort. Cronenberg übernimmt DeLillos Dialoge über die Abkopplung aller Werte (Geld, Liebe, Moral, Sex) von der Wirklichkeit wortwörtlich, was ihnen im Film eine artifizielle Entrücktheit verleiht.

Wer von einer Filmhandlung Action erwartet, wird angesichts dieser philosophischen Endlosschleife im Dialog die Flucht ergreifen – obwohl’s zum Schluss nochmals Cronenberg-typisch drastisch wird. Der große Paul Giamatti spielt einen Attentäter. Fast eine Idealbesetzung für den glattgestriegelten Finanzjongleur Packer ist übrigens Robert Pattinson. Was dem „Twilight“-Teeniestar in „Bel Ami“ neulich noch misslang, passt hier perfekt: Als ewiger Vampir saugt er hier nicht mehr nur Mädchenhälse leer, er entleert das ganze Leben. Sehenswert.

  

Kritikerspiegel Cosmopolis



Gian-Philip Andreas
Westfälische Nachrichten
7/10 ★★★★★★★☆☆☆ 


Christian Gertz
nadann... Wochenschau, mehrfilm.de
4/10 ★★★★☆☆☆☆☆☆ 


Bernhard Trecksel
Die Wochenschau
7/10 ★★★★★★★☆☆☆ 


Durchschnitt
6/10 ★★★★★★☆☆☆☆ 




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INHALT

Der 28jährige Eric Packer (Robert Pattinson) ist ein Finanzgenie und der absolute Goldjunge der Wall Street. Als er sich eines Tages zu Anthonys, dem Stammfriseur seines Vaters, fahren lassen will, gerät sein perfektes Leben in einen Strudel von Angst und Paranoia. Während der Fahrt durch Manhattan kleben Erics Augen auf dem limousineneigenen Bildschirm, der die Aktienkurse zeigt. Während sein Fahrer ständig gezwungen ist, die Route zu ändern - mal ist eine Schießerei unter Rappern Schuld, mal eine Parade des Präsidenten - spekuliert Eric mit seinem Vermögen und dem seiner Kunden an der Börse. Doch mit jeder Sekunde die verstreicht, bröckelt Erics Imperium. Das Geld scheint ihm durch die Finger zu rinnen, er verliert und verliert - und die Odyssee ist noch nicht zu Ende. Rätsel müssen gelöst werden und Eric sieht sich plötzlich seiner eigenen Ermordung gegenüber.
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Eure Kritiken zu Cosmopolis

  1. Udo

    Yes, I totally agree with this review! Den Film habe ich ganz genauso gesehen. Pattinson ist echt eine Überraschung und trägt gekonnt die feinfühlige, intelligente Inszenierung von Cronenberg. Klasse! Unbedingt ansehen!

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