KRITIK

Contagion

Plakat zum Film ContagionDie Chronologie einer Katastrophe. Mit der vielsagenden Einblendung „Tag 2“ fällt der Startschuss für eine Kette von Ereignissen, die Drehbuchautor Scott Z. Burns, obwohl streng dem starren Gerüst des Katastrophenfilms folgend, als Panoptikum der Eitelkeiten entblättert. Sein Regisseur Steven Soderbergh kleidet das Ganze in perfekte Bilder und liefert damit die passende Portion Nachhaltigkeit, die diesem Genre sonst so fremd ist.

Der Hauptdarsteller eines Katastrophenfilms ist immer … die Katastrophe. Es geht um eine EHEC-ähnliche Grippe-Epidemie, die von Macao ausgehend die ganze Welt erfasst. Natürlich ist der Erreger neu, natürlich gibt es kein Gegenmittel (zumindest nicht in den ersten Wochen) und natürlich hat das Virus den Tod von mehreren Millionen Menschen zur Folge. Was „Contagion“ aber von anderen Katastrophenfilmen (bereits in den ersten Minuten) unterscheidet ist die Katastrophe selbst. Sie kündigt sich bei Soderbergh schlicht nicht an, sie bleibt nahezu unsichtbar –  oder besser kann sich zwecks Unbekanntheit zunächst nicht ankündigen. Das erste Opfer ist eine amerikanische Geschäftsfrau, verheiratet, zwei Kinder, attraktiv und auf ihrer Reise ihrem Mann (häuslich: Matt Damon) untreu.

Szene aus dem Film ContagionDer Zuschauer lernt Beth Emhoff kennen, gespielt von everybodies darling Gwenyth Paltrow, die, obwohl sie nach zehn Leinwandminuten vom Grippevirus befallen dem Tode ins Auge blicken wird, in die Geschichte eingeht, als schnellstes, weil erstes Opfer einer Katastrophe mit der detailliertesten Charakterisierung eines Opfers in einem Katastrophenfilm. Gwyneth Paltrow, eine prominent besetzte promiskuitive Killervirusbotin also, die mangelhafte Hygienevorkehrungen und ihren Seitensprung mit dem Tod und wenig später einem digitalen Spaltschädel bezahlt. (Steckt hier zwischen den Zeilen/Bildern etwa eine versteckte Anklage?) Sind Opfer und Katastrophe erst einmal skizziert, fehlen im Zettelkasten des Katastrophenfilms noch die Vertreter der Exe- bzw. Legislative. Armin Rhode darf als ranghoher Mitarbeiter der WHO seine ehrgeizige Mitarbeiterin (Marion Cotillard im Stechschritt) nach Asien schicken und damit seinen ersten wichtigen Auftritt in einem Hollywood-Blockbuster feiern. Im Gegenschnitt lernt der inzwischen mitinfizierte Kinobesucher einige Verantwortliche des amerikanischen Gesundheitsministeriums CDC (Laurence Fishburne, Kate Winslet) kennen, die zunächst konsequent unpanisch um Aufklärung bemüht sind.

Szene aus dem Film ContagionIn ruhiger Schnittfolge bahnt sich das unbekannte Virus seinen Weg um den Globus. Vereinzelt schwitzende Großstadtbewohner torkeln durch die Straßen und öffentlichen Verkehrsmittel, sorgen mit ihren Krämpfen und Schaum vor dem Mund (wie zuvor bei Paltrow) für die nötige Glaubhaftigkeit und Verbreitung. Dazu liefert feinjustiert und heruntergedimmt die Tonspur Elektronisches (Score: Cliff Martinez) für die wohl dosierte Portion Unbehagen. Bis zu diesem Zeitpunkt zeigt Steven Soderbergh (`Traffic´, `Oceans 11-13`) nichts, was man nicht schon in anderen Katastrophenfilmen wie `28 Days Later` oder `Outbreak` gesehen hätte. Die Dramaturgie folgt den flachen Strukturen des Genres, im ruhigen Rhytmus werden Montagefolgen aneinandergeheftet: und-dann-und-dann-und-dann, die Zeit wird knapp-läuft-ab, Quarantäne, aus ist´s.

Szene aus dme Film ContagionEs sind nicht nur die prominent besetzten Erfüllungsgehilfen aus der Abteilung Panoptikum der Eitelkeiten, die hier für die nötige Nachhaltigkeit sorgen, es sind auch Soderberghs Bilder von nüchterner Eleganz und Schärfe, von einem überdurchschnittlichen Detailreichtum (Nahaufnahmen) und einer Perfektion, die die Katastrophe so nah an den Kinozuschauer heranbringt, dass jedes Husten im Kinosaal Beklemmung auslösen wird. Dass die ethisch-politischen Fragen (Wie viel Information verträgt das Volk?), Zwischenmenschliches und Kritik am System dadaurch in den Hintergrund gedrängt wird ist kein Mangel sondern handwerkliches Geschick. Sehenswert.

 



Ähnliche Beiträge:

Dieser Beitrag wurde unter Kritik abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eure Kritiken zu Contagion

  1. RobbyTobby

    Ein Film, der wirklich unter die Haut geht. Die hervorragenden Darsteller sorgen für die nötige Portion Ernsthaftig- und Glaubwürdigkeit. Muss man gesehen haben.

  2. tine

    interessante (ironische?) kritik von euch, bis zum letzten absatz wäre ich davon ausgegangen, dass der film von mehrfilm höchstens 3 punkte bekommt, und dann die kehrtwende 🙂

    dem letzten absatz stimme ich dann aber zu, gerade diese nüchternheit macht den film sehr realistisch … und wenn man sich vorher durch den weihnachtsmarkt gewuselt hat und danach strassenbahn fährt … passt das auch …

Kritik schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*