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Coco – Lebendiger als das Leben

Plakat zum Film Coco mit dem Hauptdarsteller Miguel und seiner Gitarre auf dem Titel.

Bild (c) 2017 Walt Disney Studios Motion Picture Germany.

Wie aus den anderen Disney-Abteilungen mittlerweile gewohnt, zum Beispiel von Marvel oder Lucasfilm, darf man sich inzwischen auch bei der jüngsten Disney-Tochter Pixar über einen höheren Output freuen. „Cars 3“ hatte jüngst seinen Auftritt. Mit durchwachsenem Erfolg (bei den Kritikern). Auch deshalb hoffen die weltweiten Animations-Fans in Zukunft auf etwas mehr Kreativität und Originalität aus dem sehr kreativen Trickfilmstudio. Und der Wunsch scheint bis nach Kalifornien vorgedrungen zu sein. Pixar wird demnach nach dem lang erwarteten zweiten Teil von „Die Unglaublichen“ im nächsten Jahr den Fortsetzungen erst einmal abschwören und sich auf originelle Stoffe konzentrieren. „Coco – Lebendiger als das Leben“ soll ein erster Schritt in diese Richtung sein, erzählt allerdings eine Coming of Age – Story, die einem relativ bekannt vorkommt, auch wenn ihr ein neues Gewand verliehen wurde.

Der 12-jährige Miguel Rivera wünscht sich nichts sehnlicher, als in die Fußstapfen seines Idols und Helden Ernesto de la Cruz zu treten: Miguel möchte wie sein Vorbild ein großer Musikstar in Mexiko werden. Das Problem: Musik ist schon seit Generationen in seiner Familie verboten, seitdem Miguels Ururgroßvater seine Ururgroßmutter wegen seiner Musikkarriere verlassen hat. So muss der 12-jährige seine Leidenschaft geheim halten und sich das Gitarrespielen selbst beibringen. Als sich sein großes Talent Bahn bricht, kann er dies nicht mehr geheimhalten, dennoch stellt ihn seine Familie vor eine Entscheidung: Entweder bleibt er bei seiner Familie und steigt als Schuhmacher ins Familiengeschäft ein oder er folgt dem Lockruf der Musik.

Szene aus dem Film Coco mit dem Hauptdarstelller Miguel und seiner Großmutter im Stuhl sitzend. Wie es bei rebellischen und trotzigen Jungen oft der Fall ist, entscheidet sich Miguel für das Letztere und läuft von Zuhause weg. Um nur wenig später am Tag der Toten an einem Musikwettbewerb teilzunehmen. Da gibt es nur einen Haken: Seine Gitarre wurde von seiner Großmutter zertrümmert. Verzweifelt schnappt sich Miguel die in einem Mausoleum ausgestellte Gitarre seines verstorbenen Vorbildes Ernesto. Und das soll nicht die einzige Überraschung bleiben, die der Tag der Toten für Miguel zu bietet hat. Denn plötzlich findet sich der Junge selbst im Reich der Toten wieder, obwohl er doch noch quicklebendig ist.

Als einziger Lebender in dieser Parallelwelt sticht er natürlich hervor. Hält er sich zu lange dort auf, gehört er jedoch bald selbst zu den Verschiedenen. Um unbeschadet wieder nach Hause zu kommen, benötigt er den Segen eines verstorbenen Familienmitgliedes. Wie seine lebenden Verwandten möchten aber auch diese, dass Miguel seine Musikleidenschaft aufgibt. Seine einzige Hoffnung ist sein verstorbener Ururgroßvater, der Miguels Musikleidenschaft offensichtlich teilte. Helfen dabei soll ihm der abgewrackte Tote Héctor, der allerdings seine eigene Agenda verfolgt.

Szene aus dem Film Coco mit dem Hauptdarsteller Miguel gemeinsam mit seinem Großvater auf der Bühne. Wieder einmal, und das verwundert am wenigsten, ist Pixar mit „Coco – Lebendiger als das Leben!“ ein technisch perfekter Animationsfilm gelungen. Die Figuren sind liebevoll gezeichnet, gleichzeitig so plastisch und mit Leben gefüllt, dass sie fast greifbar wirken. Neben den Hauptprotagonisten muten vor allem die Nebenfiguren besonders putzig an: Eine tote Frida Karlo, die als Performance-Künstlerin wie ein Star gefeiert wird und ihr ebenso totes Publikum mit ihren Auftritten gleichzeitig verwirrt und verzückt, gehören ebenso zu den Highlights wie der aufgeblasene Star Ernesto de la Cruz. Dieser macht sowohl in den Schwarz-Weiß-Filmschnipseln, die seine schauspielerischen Auftritte als noch lebender Star zeigen, als auch als verwöhnter und arroganter Prominenter in der Totenwelt großen Spaß.

Die Welt, welche die Regisseure Lee Unkrich und Adrian Molina gestaltet haben, ist fantasievoll, bunt und einfallsreich. Sie spielen geschickt mit der wahrscheinlich größtenteils unbekannten mexikanischen Folklore, verknüpfen dies aber mit der allseits bekannten Bürokratie: Die Welt der Lebenden dürfen die Toten nur unter bestimmten Voraussetzungen besuchen. Voraussetzungen, die von den entsprechenden Behörden aufs Penibelste überprüft werden. Auch an Emotionen mangelt es dem Abenteuer nicht. Insbesondere in dieser Hinsicht trifft „Coco“ im letzten Akt noch einmal ins Schwarze. Die Musik und der Gesang kann sogar in der deutschen Synchronisation Gänsehaut erzeugen.

Szene aus dem Film Coco mit Hauptdarsteller Miguel und fremden Toten aus dem Totenreich. Dennoch machen es sich die Autoren Lee Unkrich und Jason Katz an der ein oder anderen Stelle dramaturgisch etwas zu einfach: Miguel ist quasi schon zu Beginn ein fertiger Künstler und perfekt abgestimmter Musiker, der auch ziemlich schnell sein Lampenfieber überwindet – Scheitern und sich wieder Aufrappeln – das lassen die Autoren ihrer Figur auf dieser Ebene nicht zukommen, hätte aber immerhin für angehende junge Musiker zumindest die ein oder andere wertvolle Lektion bereitgehalten. Stattdessen verlassen sich die Regisseure Adrian Molina und Matthew Aldrich auf relativ bekannte Lehren. Die Themen Tod und Verlust ergänzen die kleinen Unwegsamkeiten jedoch auf eine kindgerechte Art und Weise, die allerdings auch Erwachsene berühren sollte. Eine Herausforderung, die sich wahrscheinlich nicht jeder Animationsfilm mit so viel Freude und Ehrlichkeit stellen würde.

„Coco – Lebendiger als das Leben!“ ist definitiv nicht Pixars originellster Film, dafür sind zu viele Plot-Elemente bekannt und vorhersehbar. Ganz kleine Zuschauer, die sich auf eine Gitarre zu Weihnachten freuen, wird dies nicht stören. Das Abenteuer hat aber viele visuell-erstaunliche und emotional befriedigende Komponenten, welche die etwas unausgeglichene Dramaturgie locker wieder auffangen kann. Ab 8 Jahren empfehlenswert.

 

Kritikerspiegel Coco - Lebendiger als das Leben!



Gian-Philip Andreas
Westfälische Nachrichten
8/10 ★★★★★★★★☆☆ 


Frank Brenner
choices, FRESH, etc.
9/10 ★★★★★★★★★☆ 


Stefan Turiak
Widescreen, mehrfilm.de
8/10 ★★★★★★★★☆☆ 


Durchschnitt
8.5/10 ★★★★★★★★½☆ 


Weitere Noten zu aktuellen Kinofilmen findest Du in unserem Kritikerspiegel.

 

 



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