KRITIK

Christoph Schlingensief – Die Piloten

Christoph Schlingensief - Die Piloten „In meiner Terminologie ist der Christoph ein Prophet“, sagt Fernseh-Pfarrer Jürgen Fliege, ein Mannes, dem man ja ungefähr soviel Nähe zu Schlingensief zugetraut hätte wie Exkanzler Kohl. Aber auf eine bizarre Art verstehen die beiden sich. Und Fliege hat bereitwillig die Einladung zur Talkshow „Die Piloten“ in der Berliner Akademie der Künste angenommen, die Christoph Schlingensief dort 2007 aufzeichnen ließ und die Cordula Kablitz-Post dokumentiert hat.

Viele sind dem Ruf des Propheten gefolgt: Lea Rosh, Sido, Claudia Roth, Rolf Hochhuth, Rolf Zacher. Obwohl klar war, dass die Sendungen nie ausgestrahlt werden würden. Schlingensief verschaukelt seine Gäste dabei nicht – die führen sich schon selbst vor, auch ein Pfarrer Fliege. Seine Inszenierungen streben nach dem elektrisierenden Moment des Zusammenbruchs, in dem alle aus der Rolle fallen, auch er selbst.

„Ich fand`s beim Betrachten des Rohmaterials eklig“, sagt der Künstler über die eigene Sendung, nicht ohne grimmiges Vergnügen. Später unterzieht er den medialen Selbstdarstellungsporno zusammen mit dem Philosophen Boris Groys der Kritik.

Wo ist die Grenze? Das ist die Frage, die über allem steht. Es gibt einen furiosen Moment, in dem Claudia Roth, sichtlich erschüttert, auf ihren vor wenigen Stunden erschossenen Freund, den armenischen Journalisten Hrant Dink, anstößt. Und Schlingensief dann verkündet: „Prima – das drehen wir jetzt noch mal.“



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INHALT

Christoph Schlingensief dreht 10 Jahre nach TALK 2000 Piloten für eine neue Talkshow. Obwohl klar ist, dass diese Piloten niemals ausgestrahlt werden, kommen sie alle: von Jürgen Fliege bis Rolf Hochhuth, von Oskar Roehler bis Claudia Roth, von Lea Rosh bis Sido. Was als unterhaltsame Infragestellung der medialen Selbstdarstellungen beginnt, erhält eine dramatische Wendung, als private Probleme des Talkmasters und eines Gastes während der Aufzeichnungen bekannt werden.
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Eure Kritiken zu Christoph Schlingensief – Die Piloten

  1. Christian

    Zugegeben, ich bin kein Fan von Christoph Schlingensief. Und so bin ich mit eher gemischten Gefühlen in diesen Film gegangen und hatte mich einmal mehr auf eine chaotische Selbstonszenierungsorgie eingestellt. Und natürlich ist diese Dokumentation auch eine Verbeugung vor einem großen Künstler. Doch viel wichtiger ist das, was zwischen den Zeilen zu lesen und hier zu sehen ist. Die Piloten ist ein subversiver Blick hinter die Kulissen der deutschen Fernsehlandschaft, unterhaltend, befreiend, chaotisch und vor allem sehenswert. Eine positive Überraschung im so jungen Kinojahr 2009.

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