KRITIK

Casanova

Casanova Aus allen Gässchen, Schlafgemächern und Kloster-Kammern der Stadt hallt sein Name wider, „Casanova, Casanova!“ rufen all die venezianischen Damen, so hingebungsbereit und schmachtselig, als würde es ihnen bald den Mieder sprengen vor Sehnsucht. Kein Wunder, Giacomo Casanova ist ja schließlich auch nicht irgendwer, sondern der Liebhaber schlechthin.

Gemäß der Legende jedenfalls, die hier fröhlich aufleben soll, wenngleich erotische Details dabei ausgespart bleiben und die Läuterung vom Lotterleben durch die wahre Liebe auch nicht lange auf sich warten lässt. Weshalb die Bewohnerinnen der Lagunenstadt diesem Wunderknaben nur so hinterher jauchzen, der historisch verbürgt die Lotterie am französischen Königshof eingeführt hat und aus den Bleikammern Venedigs fliehen konnte, das jedenfalls bleibt in dieser jugendfreien Keuschheits-Komödie ganz der Fantasie überlassen. Da Casanova in einer veritablen Hanswurstiade als frech bezopfter Husar auf dem Dach inszeniert wird, liegt die Vorstellung nahe, dass er Täubchen aus dem Hut zaubert.

Regisseur Lasse Hallström erzählt eine karnevalsbunte Commedia dell’Arte, einen Kostüm-Schwank und Maskenball von zeitloser Rokoko-Romantik. Im Venedig um 1700 entgeht der notorische Schwerenöter Casanova (Heath Ledger) allein wegen der Fürsprache des Dogen den Kerkern der Inquisition. Mit der Auflage, sich eine standesgemäße Jungfrau zu wählen und sie zu heiraten, wird er auf freien Fuß gesetzt. Der Mann allerdings hat sein Herz bereits an die holde Francesca Bruni (Sienna Miller) verloren, eine fortschrittliche und kluge Schönheit, die als Schriftstellerin unter Pseudonym das Florett der Emanzipation führt und bis in die Haarspitzen jene Frauen-Power ausstrahlt, die Drehbuchautoren eben so einfällt. Soll heißen, dass sie Fechten kann wie ein Kerl und dabei gut aussieht. Außerdem ist sie schwerer zu erobern als Venedigs Klosterfrauen, und das gefällt Casanova. Ach, aus dem Hallodri wird ein Romeo, aus dem Galan ein Gockel.

Der Casanova-Mythos ist seit Anbeginn der Filmgeschichte dutzende Male verfilmt worden, angefangen beim ungarischen Stummfilmfragment mit Bela Lugosi (allerdings nicht in der Titelrolle), über Fellini, der Donald Sutherland als gefühlskalten Koitus-Clown demontierte, bis nun zu Lasse Hallström, der in der Geschichte das Boulevard-Potenzial in alter Tür-auf-Tür-zu-Tradition erkennt und einen gefahrlos gut aussehenden Disney-Casanova vorstellt. Als einzige Neuerung lässt sich Hallström die Stab-Übergabe im Rennen um den Titel als „Grölaz“, größter Liebhaber aller Zeiten, an Casanovas Nachfolger einfallen – ein blasses Bengelchen, das erstmal im Bordell üben muss. Von feurigem Don Juanismus keine Spur, stattdessen inszeniert der „Chocolat“-Regisseur ein laues Lustspiel, frei ab sechs.

Nun wäre dieser Mummenschanz für die Safer-Sex-Generation vielleicht amüsanter, wenn wenigstens der Titelpart mit Statur gespielt würde. Heath Ledger, dem keinesfalls Vorlieben unterstellt werden sollen, ist auch durchaus ein vorzüglicher Schauspieler, wie er zumal als schwuler Cowboy in Ang Lees Drama „Brokeback Mountain“ beweist. So gelangweilt aber, wie er hier um die Hand der ebenfalls blässlichen Sienna Miller wirbt, ist er den Casanova-Nachruf nicht wert.



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INHALT

Der venezianischen Schönheit Francesca gelingt das Unfassbare: Sie lässt den angeblich unwiderstehlichen Casanova abblitzen. Der Schock sitzt tief - doch Casanova gibt sich nicht geschlagen. Keinen Trick, keine Strategie, keine Verkleidung lässt er aus, um Francesca Stück um Stück näher zu kommen. Dabei ist ihm nicht bewusst, dass er sich auf das gefährlichste Spiel seines Lebens eingelassen hat.
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Eure Kritiken zu Casanova

  1. nina

    gähn…tatsächlich, ich bin zwischendurch eingeschlafen. eurer kritik stimme ich voll und ganz zu – dieser blondgelockte casanova war wirklich nichts! das kino kann man zur zeit wirklich für bessere filme nutzen.

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