KRITIK

Carlos – Der Schakal

Carlos - Der Schakal Ein Hinweis vorweg: Für „Carlos“ ist Sitzfleisch vonnöten. 333 Minuten dauert die in Cannes bejubelte und eigentlich als Dreiteiler fürs französische Fernsehen entstandene Terroristenchronik des französischen Autorenfilmers Olivier Assayas. Die Entwarnung: Aufregender ist Kino selten. Unterhaltsamer noch seltener. Leider läuft – bis auf in wenigen Kinos in Deutschland am Startwochenende – nur eine auf 187 Minuten eingedampfte Version in den deutschen Kinos. Doch wer sich im Kino drei Stunden mit globalisiertem Terror beschäftigen kann, kann dies auch fünf Stunden lang tun. Es lohnt sich!

Der Besuch lohnt sich allein schon wegen des detailbesessen ausgestatteten Zeitbildes: Von den frühen 70ern bis 1994 verfolgt der Film die verschlungenen Wege des Terroristen Carlos, von seiner Zeit in der „Volksfront zur Befreiung Palästinas“ über die gescheiterte Geiselnahme bei der Opec-Konferenz in Wien 1975 bis zu seiner Zeit als Freelance-Söldner für alle möglichen Geheimdienste: Man kennt sich untereinander, Stasi, Securitate, RAF, Eta, Revolutionäre Zellen, Rote Brigaden. Carlos als idealistischer Revolutionär wird im Film schnell dekonstruiert.

Assayas zeigt seine Hauptfigur als geschäftstüchtig-narzisstischen Auftragsterroristen – und nimmt ihm dennoch nicht seinen halbseidenen Glamour. Titeldarsteller Édgar Rámirez, wie Carlos ein Venezuelaner und schon in „Ché“ in kleiner Rolle revolutionär unterwegs, wirft sich mit vollem Körpereinsatz in die Rolle und vollzieht Aufstieg und Fall des „Schakals“ kongenial nach: vom jugendlichen Macho, der sich nach Attentaten nackt im Spiegel bewundert, bis zum aus den Zeitläufen gefallenen Hodenkrebsfall mit Bauchansatz.

Der für grenzensprengende Genrefilme („Irma Vep“) bekannte Assayas hat ein bewundernswertes Gespür für Rhythmuswechsel und Spannungsaufbau. Sein brillantes und vielsprachiges Ensemble – darunter auch, ganz stark, die Deutschen Julia Hummer (zuletzt vor vier Jahren im Kino zu sehen) oder Alexander Scheer – jagt er durch ein mitunter lustvoll hypothetisches Szenario, das man in dieser Vitalität im Kino so schnell nicht mehr zu sehen bekommen wird. Also: am besten den „Directors Cut“, also die Langversion genießen. Schauspielkino auf allerhöchstem Niveau. Herausragend.



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INHALT

Ilich Ramirez Sánchez ist Carlos der Schakal. Berühmt. Berüchtigt. Ein Phantom und ein Phänomen. 1975 verantwortet er den Anschlag auf das OPEC-Hauptquartier in Wien, in den Jahren darauf agiert er als kaltblütiger Mörder und effizienter Manager organisierter Gewalt. Er wird zum meistgesuchten Terroristen der Welt, doch Fotos gibt es kaum von ihm - auf den Fahndungsplakaten ist er nur der Mann mit der Sonnenbrille.

Immer wieder schafft er es unterzutauchen, verprasst sein auf Schweizer Konten angehäuftes Vermögen in Luxushotels, macht sich Frauen hörig und nutzt sie für seine Zwecke aus, und lässt seine Kontakte zu den Geheimdiensten in Ost und West spielen. Mit den Jahren verlassen ihn jedoch sein sicheres Gespür und seine Energie - und schließlich auch seine treuen Partner und Unterstützer, die ihn nun als blutbesudeltes Relikt des Kalten Krieges möglichst unauffällig loswerden wollen.
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Eure Kritiken zu Carlos – Der Schakal

  1. RobbyTobby

    Ja wirklich, ein klasse Film. Habe zwar nur die kurze Version (187 Minuten) gesehen aber die hatten es in sich. Vor allem die deutschen Schauspielerinnen (von Waldstätten, Hummer) fand ich klasse! Auf jeden Fall sehenswert.

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