KRITIK

Captain Fantastic

Bild (c) Universum Filmverleih.

Bild (c) Universum Filmverleih.

Ben Cash hat einen Namen wie Kleingeld, doch dem Kapitalismus hat der zauselbärtige Idealist abgeschworen. Mit seinen sechs Kindern, die seltsame Namen tragen wie Vespyr und Rellian, lebt er in einem weltentrückten Aussteigerparadies irgendwo in den Wäldern im amerikanischen Nordwesten. Der Nachwuchs zwischen sechs und siebzehn Jahren weiß nichts über die Medien- und Warenwelt der US-Gesellschaft, aber viel über Philosophie und Geschichte. Ben unterzieht sie strengem Survival-Training und unterrichtet sie in Hochkultur; auf Nahkampf und Jagd folgt Dostojewski-Lektüre, am Lagerfeuer wird musiziert. Statt Weihnachten feiert die Familie den Noam-Chomsky-Day, zu Ehren des linken Systemkritikers.

Dass es nicht unbegrenzt glücklich zugeht in diesem alternativen Hippie-Utopia, zeigt die Abwesenheit der Mutter: Bens Frau ließ sich wegen Depressionen in die Klinik einweisen. Und jetzt ist sie tot. Um zu verhindern, dass die Buddhistin von ihren christlichen Eltern gegen ihren Willen begraben anstatt verbrannt wird, machen sich Ben und die Kinder im klapprigen Bus auf nach Arizona: Ein Roadmovie beginnt, das sich für die Sprösslinge zum Kulturschock auswächst, als sie mit der fettleibigen Realität der amerikanischen Supermarkts- und Fast-Food-Kultur (und erster Liebe) konfrontiert werden.

Szene_Captain_FantasticRegisseur Matt Ross, den man vor allem als Schauspieler aus diversen Serien kennt („Silicon Valley“), inszeniert „Captain Fantastic“ als klassische US-Indie-Dramödie im Gefolge von Hits wie „Little Miss Sunshine„: lauter skurrile Charaktere mit dem Herzen am rechten Fleck, die Stimmung genau austariert zwischen Melancholie und zündendem Wortwitz. Am Ende wird es fast schon zu versöhnlich.

Dass die Gegenüberstellung von Aussteiger- und Konsumwelt nicht ganz so plakativ daherkommt wie befürchtet, liegt vor allem daran, dass bis zum Schluss klug in der Schwebe gehalten wird, wie man Ben Cash nun einzuschätzen hat: Ist er ein gütiger Idealist? Oder jemand, der seine Kinder, die sich das Leben in der Wildnis nicht ausgesucht haben, wie ein Sektenführer in den Außenseiterstatus nötigte? Um diesen Zwiespalt drehen sich die Konflikte, die im Familienbund ausbrechen, und Viggo Mortensen („A History of Violence„) spielt das großartig ambivalent. Sehenswert.

 

 

Kritikerspiegel Captain Fantastic – Einmal Wildnis und zurück



Gian-Philip Andreas
Westfälische Nachrichten
7/10 ★★★★★★★☆☆☆ 


Frank Brenner
choices, FRESH, etc.
7/10 ★★★★★★★☆☆☆ 


Christian Gertz
nadann... Wochenschau, mehrfilm.de
7/10 ★★★★★★★☆☆☆ 


Carsten Happe
Der Schnitt, filmgazette
9/10 ★★★★★★★★★☆ 


Stefan Turiak
WIDESCREEN, dramadandy.de
6/10 ★★★★★★☆☆☆☆ 


Durchschnitt
7/10 ★★★★★★★☆☆☆ 


Weitere Noten zu aktuellen Kinofilmen findest Du bei uns im Kritikerspiegel.

 

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INHALT

Der hochgebildete Ben (Viggo Mortensen) lebt aus Überzeugung mit seinen sechs Kindern in der Einsamkeit der Berge im Nordwesten Amerikas. Er unterrichtet sie selbst und bringt ihnen nicht nur ein überdurchschnittliches Wissen bei, sondern auch wie man jagt und in der Wildnis überlebt. Als seine Frau stirbt, ist er gezwungen mitsamt der Sprösslinge seine selbst geschaffene Aussteigeridylle zu verlassen und der realen Welt entgegenzutreten. In ihrem alten, klapprigen Bus macht sich die Familie auf den Weg quer durch die USA zur Beerdigung, die bei den Großeltern stattfinden soll. Ihre Reise ist voller komischer wie berührender Momente, die Bens Freiheitsideale und seine Vorstellungen von Erziehung nachhaltig infrage stellen ... (Text: Universum Filmverleih)
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