KRITIK

Capote

Capote

Es werden manchmal mehr Tränen über erhörte Gebete vergossen, als über unerhörte. Das hat der amerikanische Schriftsteller, Lebemann und Partylöwe Truman Capote gesagt, und wer nun das konzentrierte Filmporträt des Regisseurs Bennett Miller über ihn sieht, kann den Eindruck gewinnen, dass der Erfolgs-Romancier in diesem Bonmot auch die Tragik seiner eigenen Existenz zusammengefasst hat. Miller zeigt Capote in den Jahren zwischen 1959 und 1965, während der Arbeit an seinem bahnbrechenden Tatsachenroman
„Kaltblütig“, der das Genre der Nonfiction-Novel überhaupt erst erfand.

Der „Frühstück bei Tiffany“-Autor ist gerade auf der Höhe seines Ruhms, gern gesehener Gast der New Yorker Künstlerszene, in der er sich als homosexueller Bohemien lustvoll manieriert und pfauengleich spreizt. Und er sucht neuen Stoff. Den findet Truman in einer Zeitungsmeldung über einen vierfachen Mord in Kansas, ein Fall, der ihn in den folgenden Jahren nicht mehr loslassen und schließlich schöpferisch zerstören wird. „Kaltblütig“ war Capotes letzter Roman.

Bennett Miller hat in Philip Seymour Hoffman einen der besten Schauspieler Hollywoods gewonnen, einen Nebenrollen-Star, der sein Talent als Hauptdarsteller bisher nur in wenig beachteten Independent-Produktionen wie „Owning Mahowny“ oder „Love, Liza“ zeigen konnte. Bestimmt gewinnt er den Oscar für seine Leistung, auch wenn es manchmal so wirkt, als habe Hoffman in seinem Bemühen, sich der Dandy-Ikone bis in den tanzenden kleinen Finger anzuverwandeln, ein wenig die künstlerische Freiheit verloren.

Dennoch, es fasziniert, wie er die Zerrissenheit dieses Suchtmenschen, seine Abgründe vorführt. Und auch die ursprünglich zu Reportage-Zwecken angetretene Kansas-Reise des schillernden Großstadt-Exzentrikers und seiner Freundin, der Schriftstellerin Nelle Harper Lee (Catherine Keener), zieht in den Bann. Miller zeigt Capote als manipulierenden Schmeichler, der sich das Vertrauen der Einwohner mit Anekdoten über die eigene traurige Kindheit erschleicht, als bedingungslosen Egoisten, der die Geschichte der zum Tode verurteilten Mörder Perry Smith und Dick Hickock bis auf den letzten Tropfen aussaugt und sich dabei selbst vergiftet. Die Hinrichtung der beiden, die in ihm einen Freund sehen, ist sein Schlusskapitel, auf das er fast sehnsüchtig wartet. Capote wächst einem in diesem kühl-berührenden Biopic nicht ans Herz, er bleibt ein Fremder – im eigenen Leben.



Ähnliche Beiträge:

INHALT

1953 wird Truman Capote vom "The New Yorker" damit beauftragt, einen umfassenden Artikel über einen Mordfall in einer amerikanischen Kleinstadt zu verfassen. Begleitet von der Schriftstellerin Harper Lee, wird der exzentrische, offen zu seiner Homosexualität stehende Capote nicht gerade mit offenen Armen empfangen. Als die beiden Mörder geschnappt werden, vertieft sich Capotes Interesse an dem Fall. Während der Stadtsheriff auf eine schnelle Verurteilung und Hinrichtung drängt, will Capote in einer Reihe von Interviews herausfinden, wer die Mörder sind und was sie zur Bluttat getrieben hat.
Dieser Beitrag wurde unter Kritik abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eure Kritiken zu Capote

  1. Colonia

    OscarreifWenn sich auch das letzte Drittel des filmischen Schriftsteller-Denkmals ein wenig zieht: Der Rest ist spannend wie ein Krimi. Und doch ist es ein Porträt. Ein Porträt über einen zuweilen linkisch tapsenden Sonderling, dann wieder bewusst andere Menschen ausnutzenden, einen, dessen Beweggründe nicht immer klar sind. „Capote“ wirft unter anderem mal wieder die Frage auf, ob Kunst amoralisch sein darf oder gar muss. Nein, wirklich sympathisch ist Capote bestimmt nicht.

    Philip Seymour Hoffmann wird in dieser Rolle in Erinnerung bleiben. Mein Oscar-Favorit! Nach dem Kinotrailer war allerdings schon klar, dass man den Film in der deutschen Synchronfassung kaum ertragen kann. Ich habe mich für die deutsch untertitelte Originalversion entschieden und muss sagen: Es lohnt sich.

    Ich weiß nicht, wann ich zuletzt einen solchen Ansturm auf ein Kino/einen Film erlebt habe, wie gestern auf „Capote“. Das Interesse scheint enorm. Ob es nun der undurchschaubare Dandy, die Hintergründe des ersten Fakten und Fiktion („faction“) vereinenden Romans, das Wissen um Capotes anschließenden Abstieg und einsames Ende oder die Lust auf einen vielprämierten Film ist – wer weiß. Vielleicht ist es von allem ein bisschen.

  2. Udo

    Was für ein Film. Was für ein Start in das Kinojahr. Selten habe ich so viele gute Filme am Anfang eines Jahres gesehen. Bennett Millers Capote mit einem herausragenden Philip Seymor Hoffman untermauert die Reihe der guten Filme zur Zeit. Millers behutsame Regie und Hoffmanns Spiel vereinen sich zu einem perfekten Seh-Erlebnis. Klasse!

Kritik schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*