KRITIK

Camilo – Der lange Weg zum Ungehorsam

Camilo - Der lange Weg zum Ungehorsam Der neue Dokumentarfilm des Regie-Altmeisters Peter Lilienthal “Camilo – Der lange Weg zum Ungehorsam“ berichtet von Camilo Mejía, einem der bekanntesten amerikanischen Kriegsdienstverweigerer, der nach sechsmonatigem Einsatz im Irak-Krieg bei einem Heimaturlaub die US-Armee verließ. Erzählt wird auch von dem Mexikaner Fernando Suárez, der seinen 19-jährigen Sohn durch eine US-Mine verlor.

Die Protagonisten aus dem 84-minütigen Film, die der Autorenfilmer mit seiner Kamera begleitet, sind nur zwei von mittlerweile unzählig vielen Soldaten oder Angehörigen, die die Gräueltaten der Bush-Armee im Irak öffentlich anprangern. In Lilienthals Film wird schnell klar, dass das Rückgrat der US-Armee nicht aus West Point oder anderen bekannten Stätten kommt, auch nicht aus Familien mit einer Militärtradition, die bis zum Sezessionskrieg zurückreicht, sondern in den Armenvierteln der Schwarzen aufgebaut und den Einwanderungswellen aus Lateinamerika weiter gestärkt wurde. So haben die Rekrutierungskommandos der Streitkräfte zumeist leichtes Spiel bei den Perspektivlosen und gesellschaftlich Ausgestoßenen. Und die Verlockungen der vereinfachten Einbürgerung durch den Wehrdienst tun ihr Übriges. Beide Schicksale im Film betreffen Latinos, die auf der Liste der amerikanischen Gefallenen im Irak zur zweitgrößten Gruppe gehören.

Der Film thematisiert nicht nur die Legitimität des Krieges der US-Armee im Irak, sondern fragt: Wer sind die Opfer der Kriege? Was bewegt junge Menschen dazu, in einem Krieg zu kämpfen, der nicht ihrer ist? Wie weit gehen sie in ihrem Drang nach Assimilation und Anpassung, und was muss passieren, damit er sich in einen “langen Weg zum Ungehorsam“ verkehrt? Diese vielfältigen Aspekte und Themen, denen sich Lilienthal mit großem Eifer widmet und die er in seinem Film unterbringen wollte, wird nicht bei allen im Publikum Anklang finden. Der Film will zu viel. Er baut zahlreiche Handlungsstränge auf, die im Wirrwarr der hohen Anforderungen an die Thematik und Aktualität wie ein Wollknäuel zusammenlaufen.

Das durch eine Lesung aus dem Buch eines Kriegsdienstverweigerers bestens auf das Thema eingestimmte Münsteraner Publikum der Deutschlandpremiere diskutierte noch lange mit dem Filmemacher über seine verschiedenen Herangehensweisen an das brisante Thema. Dabei musste der Regisseur, der sich nach dem Film zusammen mit Rudi Friedrich von Connection e.V., Dr. Sabine Rollberg von ARTE und Carsten Hoppe von der Filmwerkstatt Münster auf einer Podiumsdiskussion den zahlreichen Fragen des Auditoriums stellte, mehr als einmal betonen, dass es sich bei diesem Film um seine ganz persönliche Sichtweise auf die Probleme und Schicksale der Menschen handele. „Ich bin kein Journalist, nicht einmal ein investigativer Filmemacher. Mich interessieren die Menschen“, resümierte der erfahrene Filmemacher gegen Ende des langen Abends und hatte damit dennoch die Sympathien auf seiner Seite.



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INHALT

Camilo Mejía, Sohn des berühmten nicaraguanischen Komponisten Carlos Mejía, trat 1995 der US-National Guard bei, in der Hoffnung, Unterstützung für sein Psychologiestudium und die US-Staatsbürgerschaft zu bekommen. Der Emigrant aus Nicaragua verpflichtete sich für acht Jahre bei der National Guard. In seinem letzten Dienstjahr wurde Camilos Einheit für den zweiten Irakkrieg mobilisiert und in Ramadi, einem der Brennpunkte des sunnitischen Dreiecks, eingesetzt. Sein wachsender Zweifel am Sinn des Krieges führte dazu, dass sich Camilo von einem zweiwöchigen Heimaturlaub nicht mehr zurückmeldete. Camilo Mejía wurde der erste offizielle Kriegsdienstverweigerer des Irakkriegs. Für seinen Dokumentarfilm „CAMILO — Der lange Weg zum Ungehorsam“ begleitet der renommierte Autor und Regisseur Peter Lilienthal den zwischenzeitlich Inhaftierten bei seinen Versuchen, wieder im Leben Fuß zu fassen und verfolgt sein neues Engagement für die Friedensbewegung. Lilienthal kontrastiert die Geschichte Camilos mit der von Fernando Suarez del Solar, der seinen Sohn Jesus bei der Irak-Invasion verlor. Er war der erste Mexikaner, der in diesem Krieg starb. Fernando geht in seiner Trauer den Hintergründen nach und gründet das Guerrero Azteca Peace Project. Als Friedensaktivist zieht er durch die Schulen hispanischer Communities in den USA und setzt den beschönigenden Versprechungen der Rekrutierungskommandos seine bitteren Erfahrungen entgegen. Peter Lilienthal hinterfragt in diesem essayistischen Dokumentarfilm die Verantwortung der Söhne und Väter, als Soldaten in einen Krieg zu ziehen.
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