KRITIK

C.R.A.Z.Y.

C.R.A.Z.Y. Sich mit Prominenten den Geburtstag zu teilen, kann eine Bürde sein. Zachary Beaulieu, der am Heiligen Abend des Jahres 1960 in Montreal geboren wird, leidet in mehrfacher Hinsicht unter diesem Datum. Zum einen, klar, fallen die Geburtstagsgeschenke mager aus, zum anderen spricht seine Mutter dem Knaben, wenn schon nicht jesusgleiche, so doch heilende Kräfte zu. Selbst übers Telefon, so glaubt sie, kann ihr Junge Wehwehchen von Nachbarn und Verwandten kurieren.

Zach allerdings bekommt bald noch ganz andere Probleme. Streitereien mit seinen vier Brüdern sind an der Tagesordnung. Außerdem setzt auch der autoritäre Vater, ein Charles-Aznavour- und Patsy-Cline-Verehrer, den Jungen unter Druck. Besonders misstrauisch beäugt das Familienoberhaupt alle Anzeichen erwachender Homosexualität bei seinem Spross, der schon als Kind viel lieber Puppenwagen schieben als Hockey spielen möchte. Als Pubertierender, zum rauchenden Asthmatiker und David-Bowie-Verehrer herangewachsen, werden Orientierungszweifel und Versteckspiel für Zach zunehmend schmerzhaft. Doch bestimmte Dinge werden in der Familie totgeschwiegen, auch wenn das lebensbedrohlich enden kann.

Der kanadische Regisseur und Drehbuchautor Jean-Marc Vallée verquickt in dieser überraschenden, humorvollen und auch zu Herzen gehenden Coming-of-Age-Fabel verschiedene Motive juveniler Selbstfindungstristesse: Geschwisterfeindschaft, Ringen um Religiosität, ödipale Kämpfe, überhaupt erste verwirrende sexuelle Begierden. Stets mit einem frischen Zug ins Surreale und stets befeuert von der prägenden Rockmusik der jeweiligen Epoche. Was wunderschön in jener Szene kulminiert, in der Zach sich in der Kirche zum Jesus Christ Superstar emporfantasiert, während der Knabenchor den Rolling-Stones-Refrain „Sympathy for the Devil“ dazu summt.

Auch als Familiengeschichte ist „C.R.A.Z.Y“ beglückend und berührend, nicht zuletzt dank Michel Cotés differenzierter Darstellung eines Vaters, der seinen Lieblingssohn zu Höherem berufen sieht.



Ähnliche Beiträge:

INHALT

C.R.A.Z.Y., das sind die Anfangsbuchstaben der Namen der fünf Brüder Christian, Raymond, Antoine, Zachary und Yvan. Der Vater jener fünf Brüder ist ein fanatischer Fan der Sängerin Patsy Cline. Und auch ansonsten ist in dieser Familie im kanadischen Québec vieles ziemlich verrückt. Weil der zweitjüngste Sohn und Ich-Erzähler des Films, Zachary an einem Weihnachtsabend geboren wird, glaubt seine Mutter, er habe übersinnliche Kräfte. Fortan rufen ständig Verwandte an, die von seinen vermeintlich heilenden Gedanken profitieren wollen. Ein anderer Bruder hat Drogenprobleme, wieder ein anderer ist eine Leseratte in derartiger Vollendung, dass er nicht bei Tisch sitzen kann, ohne sich in das Kleingedruckte auf der Milchtüte zu vertiefen. Außerdem, und das ist das Skurrilste, pflegt der Vater bei jeder Familienfeier ein Mikrofon zur Hand zu nehmen und „Emmenez-moi au bout de la terre“ von Charles Aznavour zu singen. Womit er nicht nur seinen Kindern, sondern spätestens nach dem vierten Mal auch den Zuschauern auf die Nerven geht.
Dieser Beitrag wurde unter Kritik abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eure Kritiken zu C.R.A.Z.Y.

  1. nina

    unheimlich…berührt war ich von diesem film. trotz einiger längen trifft er die themen vater-sohn-, bruder-bruder- und coming-out-konflikt auf den punkt. marc-andré grondin überzeugt als hauptdarsteller absolut! seit langem mal wieder ein besonders schönes kinoerlebnis!

  2. Colonia

    Gebügelte ToastNa schön, da hat Frankokanada einen Filmhit. Einen, in dem der unverschämt hübsche Marc-André Grondin sehr überzeugend sowohl das 15-jährige wie auch das erwachsene „Christkind“ Zac spielt. Einen, in dem die 60-er, 70-er und frühen 80-er Jahre detailgetreust als Kulisse für eine schwierige Vater-Sohn-Geschichte nachgebildet werden. Einen, in dem schablonenhafte Figuren agieren und skurrile Szenen wie Zacs Traum während der Weihnachtsmesse oder der ständig Aznavour singende Vater vorkommen.

    Aber in den 127 Filmminuten wird auch eine ganze Menge heißer Luft geblasen und zäher Kaugummi gekaut.

Kritik schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*