KRITIK

Brüno

Brüno Eines kann man Sascha Baron Cohen nicht nachsagen: er würde besonders zimperlich zur Sache gehen. Vor drei Jahren war er als kasachischer Reporter „Borat“ durch die USA unterwegs. Borats Mission: die amerikanische Lebensart kennen lernen und natürlich seinen Schwarm Pamela Anderson, traditionell kasachisch, ehelichen; Cohens Unterfangen hingegen bestand darin, die Untiefen amerikanischer Bigotterie auszuloten. Borats Mission scheiterte, wenn auch mit fliegenden Fahnen; Cohen hingegen gelang es, die Grenzen amerikanischer Toleranz, Fremden-Gastlichkeit und Offenheit unbekannter Kulturen gegenüber, mehr als deutlich aufzuzeigen – was ihm nicht nur Freunde bescherte.

Eine Art, die nicht bei allen auf Begeisterung stieß: Cohen kennt kaum Grenzen, degradiert sich und seine Mitmenschen zum würdelosen Witz, der Humor immer mehr als abseitig und die Aktionen teilweise derart riskant, dass es kaum glaubhaft scheint, Cohen und sein Team könnten dies alles mit heiler Haut überstehen.

Mit einer neuen Figur ist der Meister des Fremdschämens zurück. Als schwuler österreichscher Modejournalist „Brüno“, der sein Standing und seine Sendung in seinem Heimatland verloren hat, reist er nach Los Angeles, um die große Karriere zu machen: Filmstar, Talkmaster, ganz egal: „Hauptsache der zweitberühmteste Österreicher [werden] nach Adolf Hitler und dem größten homosexuellen Filmstar, Arnold Schwarzenegger.“ Ein Satz aus Brünos Mund, so provokant, dass er wie ein Schlag ins Gesicht wirkt und doch nur zahmer Auszug, einer jegliche Grenzen überschreitenden Performance.

„Brüno“ gehört zu der Kategorie Film, die in der Lage ist, den Zuschauern gleichzeitig spontane Begeisterungsstürme und Würgereflexe zu entlocken. Im Gegensatz zum Vorgänger, der gesellschaftlich tiefer in die Eingeweide des Ur-amerikanischen Korpus griff, ist das Unterfangen hinter der Maskerade diesmal offensichtlicher: Auf der Waage Cohens landen einerseits die Toleranz gegenüber „alternativer Lebensarten“ und andererseits Homophobie und Doppelmoral. Dass, gelinde gesagt, das Geschehen auf der Leinwand brachial überzeichnet wird, ist anderthalbstündiges Programm: Brüno ist schwuler als schwul, tuntiger als jede Tunte und erfüllt alle Klischees und Vorurteile, die man über die homosexuelle Szene haben kann. Er ist die fleischgewordene Emanation, aus der alle Schwulenhasser des Planeten ihren Stoff für Legendenbildung beziehen.

War „Borat“ schon sehr speziell, ist „Brüno“ noch eine Nummer spezieller. Die dargebotene Show ist freakig, eklig, durchbricht sämtliche Schamschwellen und alle Grenzen des guten Geschmacks. Nicht jedem (Hetero-)Gemüt mag das alles zumutbar sein. Es ist mitunter auch fraglich, ob Cohen der Minderheit, der er Schützenhilfe leisten möchte, wirklich einen guten Dienst erweist? Wenn Journalist Brüno einen US-Senator zum Interview bittet und einen technischen Defekt sowie die daraus resultierende Pause zum Anlass nimmt, vor dem älteren Herrn die Hosen runterzulassen, mit der Absicht ihn zu vernaschen, muss es da wundern, wenn der gute Mann entrüstet Reißaus nimmt? Jede Frau würde sicherlich die Flucht ergreifen, wenn sich ihr ein Mann in einer Form nähert, die sie nicht möchte. Was ist also bewiesen? Dass ein älterer heterosexueller Mann keinen homosexuellen Sex haben möchte? Die Sitzungen bei so genannten „Schwulenbekehrern“, konservative Christen, meist aus dem evangelikalen Lager, rangieren ähnlich. Wenn Brüno dort aufschlägt, da er plötzlich auf den Trichter gekommen ist, dass er nur als „Hete“ die ersehnte Karriere machen kann und seinen Gesprächspartner fragt, ob er sich als „Bekehrter“ immer noch zum „Musizieren“ eine Flöte in den Hintern stecken darf, fragt man sich schon, ob das zu mehr dient, als seinen Gegenüber vorzuführen.
Das sind die Augenblicke, die reiner Klamauk sind, mit denen sich Cohen aber wunderbar selbst inszenieren und produzieren kann. Viel verwunderlicher allerdings, zu welchem Spiel Menschen noch eine gute Miene machen, wenn die Kamera läuft.

Zu naiv sollten die gebotenen Bilder aber nicht konsumiert werden: Es mag gerade noch glaubwürdig sein, dass Brüno nach Israel reißt und Vertreter der Juden und Palästinenser an einen Tisch zu einem „Aussöhnungsgespräch“ bekommt, und prompt „Hamas“ und „Hummus“ verwechselt, aber kaum, dass er sich mit einem führenden Mitglied der al-Aqsa-Brigaden im Libanon trifft, dessen Scheich als „versifften Weihnachtsmann“ betitelt und unangetastet davonkommt.

Ob Borat oder Brüno: Die geschickte Mixtur aus gestellten, spontanen und tatsächlich so entstanden Szenen, machen den Reiz, aber auch die Illusion aus. Und genau das scheint ein probater Weg, sich dem bizarren Reigen hinzugeben. Ihn als wahnhaft-boshaften, surrealen Trip zu verstehen: krank, abartig, köstlich und ebenso genial.



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INHALT

Der österreichische Fashion-Addict Brüno ist immer in Sachen Mode unterwegs und erregt mit seiner Fernsehsendung "Funkyzeit" Aufsehen. Auf einer großen Modeschau sorgt er mit einem Anzug aus Velcro für Chaos und wird von der Branche geächtet, seine Show wird abgesetzt, sein kleinwüchsiger thailändischer Liebhaber verlässt ihn. Tief verletzt macht sich Brüno mit seinem ihm treu ergebenen Assistenten Lutz auf den Weg in die USA, um dort berühmt zu werden. Es ist ein dorniger Weg, aber Brüno lässt nichts unversucht, um sich seinen Traum zu erfüllen.
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Eure Kritiken zu Brüno

  1. g

    richtig! ein subversives meisterwerk mit einem herausragenden hauptdarsteller

  2. Kohloe

    Ist das eine Schwulenkomödie oder eine Antischwulenkomödie fragt sich manch einer vielleicht im vornherein. So richtig beantworten kann ich die Frage nicht, obwohl ich dem Film gesehen hab. Macht aber nix, denn der Film fand durchaus gelächter beim Publikum im Kino. Nur nicht bei mir. Natürlich saß ich nicht wie eine Standwand während der Vorstellung auf meinem zugewiesenen Platz, aber so komisch fand ich ihn auch nicht.

    Muss dazu sagen Borat hat auch nur teilweise meinen Humor getroffen.
    Wer Borat mag, der wird diesen Brüno lieben 🙂

  3. udo

    der film ist böse, sehr böse. er spielt mit vorurteilen u deckt diese somit schonungslos auf. mit dem legitimen mitteln der komik. ein mutiger, ein wichtiger film. danke sacha baron cohen !

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