KRITIK

Brügge sehen und… sterben?

Brügge sehen und.. Gangsterfilme gibt es so zahlreich wie Kugeln in der Munitionsfabrik, und auch an Gangsterkomödien herrscht kein Mangel. Solche aber, die so irrwitzig oder rabenschwarz und vor allem unkonventionell daherkommen, dass sie so leicht nicht vergessen werden können, kommen nur alle Jubeljahre mal vor. „Pulp Fiction“ bleibt die ewige Messlatte, vor drei Jahren schrieb sich zuletzt „Kiss Kiss Bang Bang“ in die Annalen der grandiosen Gangsterkomödien ein.

Unmittelbare Konkurrenz erwächst ihnen nun von unerwarteter Seite: Der 38-jährige Ire Martin McDonagh gilt wegen seiner gewalthaltigen Grotesk-Dramen seit Jahren als einer der aufregendsten europäischen Theaterautoren („Der Krüppel von Inishmaan“), jetzt hat er plötzlich seinen ersten Langfilm vorgelegt, und der ist gleich ein echter Volltreffer.

Es geht um zwei Killer. Der eine heißt Ray, ist jung, aufbrausend und auch ein wenig dümmlich. Colin Farrell spielt ihn mit umwerfender Komik. Den anderen, Ken, spielt das irische Urgestein Brendan Gleeson ebenso punktgenau als väterlichen Typen. Weil Ray beim Mord an einem Priester versehentlich auch einen Beichtknaben erschoss, wird er mit Ken in Zwangsurlaub verschifft: nach Brügge, in Flandern. Während Ken dort die mittelalterlichen Sehenswürdigkeiten wertschätzt, wird der schuldgeplagte Ray depressiv, er verliebt sich in eine Drogendealerin und prügelt sich mit nordamerikanischen Nichtrauchern. Das Setting wird absurd; es kommt zu Kokainorgien mit zwergwüchsigen Filmkomparsen.

Die Lage spitzt sich dramatisch zu, als Ken im Auftrag von Oberboss Harry den jüngeren Kollegen um die Ecke bringen soll: Schuld, Sühne, Loyalität und Ehre sorgen nun für sehr unerwartete und von McDonagh in grandiose Dialoge verpackte Wendungen, die in einem ebenso selbstironischen wie kompromisslosen Finale münden: Zimperlich geht’s hier sicher nicht zu.

Besagten Harry hört man übrigens erst nur mehrfach am Telefon schimpfen, bis er das Telefon in seiner ersten Szene dann gleich zertrümmern darf. Ralph Fiennes, zuletzt ja zum grimassierenden Lord Voldemort in den „Potter“-Filmen geschrumpft, meldet sich hier triumphal zurück als eisiger Psychopath, der jede seiner grazil ausformulierten Zeilen als Waffe einsetzt.

Kurzum: „Brügge sehen… und sterben?“ ist, wenn das möglich ist, von ruppiger Eleganz und ganz sicher das „Pulp Fiction“ von 2008. Sehenswert.



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INHALT

Nach einem Mord mit tragischen Nebenwirkungen schickt Gangsterboss Harry seine beiden Killer Ray und Ken zum Abtauchen nach Brügge. Auf neue Befehle wartend, erkundet Ken die Stadt, Ray mit ähnlicher Leidenschaft Chloe, eine Blume aus Brügge. Als sich ein freundschaftliches Verhältnis zwischen den beiden Männern entwickelt, erteilt Harry einem von ihnen einen neuen Auftrag, der für den anderen tödlich enden soll.
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Eure Kritiken zu Brügge sehen und… sterben?

  1. snooge

    Brügge, auf nach Brügge…
    dieser supi film ist mehr als empfehlenswert mit seinem unglaublich gut aussehenden Hauptakteur, seine „Reaktion“ auf das kleine Städchen und die Nachricht, wer als nächjstes auf der „Abschussliste“ steht…
    Zudem kann über etliche gut besetzte Nebencharakter gelacht werden und BRügge von einer ganz anderen Seite kennengelernt werden…

    Überaus sehenswert!
    Auf nach Brügge!

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