KRITIK

Brokeback Mountain

Brokeback Mountain Es wird immer schwerer in unserer multimedial dauerbefeuerten Welt, einen Film noch unvoreingenommen zu sehen. „Brokeback Mountain“ etwa ist seit Monaten als preisbeworfener „Schwulen-Western“ im Gespräch, der Cineasten entzückt und Rednecks im amerikanischen Bible Belt schockiert. Jetzt wurde er, nach all den Golden Globes und dem Goldenen Löwen von Venedig, auch noch bei den Oscars gekrönt, sogar in den Schlüsselkategorien „Regie“ und „Drehbuch“. Zu Recht? Oh ja. Wie sich jetzt herausstellt, ist „Brokeback Mountain“ weder ein Schwulenfilm noch ein Problemfilm für Cineasten. Wir haben es hier vielmehr mit einem der besten Liebesmelodramen der letzten Jahre zu tun.

Die Geschichte zweier junger Cowboys, die sich 1963 beim Schafehüten in den Rockies näherkommen, stammt von Erfolgsautorin E. Annie Proulx („Schiffsmeldungen“), und man erfährt jetzt endlich, wie lange sich der Film Zeit nimmt, um diese Beziehung zu etablieren. Es wird deutlich, wie wenig der maulfaule Arbeiter Ennis del Mar (grandios: Heath „Casanova“ Ledger) und der unbeschwerte Gelegenheits-Rodeoreiter Jack Twist (Jake Gyllenhaal aus „Jarhead“) eigentlich gemeinsam haben. Aber nach Monaten des Zusammenseins fallen sie dann doch übereinander her – in einer explosiven Sexszene, die knapp und eindrücklich zeigt, wo der Hammer hängt. Beide halten sich dennoch nicht für schwul – undenkbar! – und gehen eigene Wege.

Ennis heiratet ein verhuschtes Mädchen (brillant: Michelle Williams aus „Land of Plenty“) und wird zweifacher Familienvater, Jack heiratet als verhasster Schwiegersohn in die Arbeitgeberfamilie einer geschäftstüchtigen Blondine ein (mal ganz anders: Anne Hathaway aus den „Plötzlich Prinzessin“-Filmchen). Doch die Leidenschaft bleibt. Vier Jahre später flammt alles wieder auf, und es entwickelt sich eine verzweifelte Routine: Alle paar Monate treffen sich Jack und Ennis „zum Angeln“ in der Wildnis. Ennis’ Frau weiß längst Bescheid, ohne ihm das mitzuteilen. Sie wird zur dritten Leidenden in diesem herzzerreißenden Film.

Über zwanzig Jahre spannt sich das epische Erzählpanorama, zwanzig Jahre, in denen Ennis sich sträubt, Jacks Angebot anzunehmen: alles öffentlich zu machen und die Liebe ihres Lebens endlich gemeinsam auszuleben. Ennis weigert sich selbst noch nach seiner Scheidung und den Liebesbemühungen mit anderen Frauen, bis es dann, am schrecklichen Ende, zu spät ist.

Regisseur von „Brokeback Mountain“ ist Ang Lee, und der kann bekanntlich alles inszenieren vom Kostümfilm („Sinn und Sinnlichkeit“) bis zum Comic-Kracher („Hulk“). Sein neuer Film erinnert im Ton stark an seinen Geniestreich „Der Eissturm“ – eine ähnlich unausweichliche Melancholie liegt von Anfang an über den Berg- und Wiesenbildern aus dem frostigen Wyoming. Weniger geht es hier um das Zertrümmern von Männlichkeits-Mythen der uramerikanischen Filmgattung „Western“ als um das persönliche Drama eines verpassten Lebensglücks. Darin ähnelt der Film auch dem Eastwood-Melo „Die Brücken am Fluss“. Aus Furcht vor sozialer Ausgrenzung durch die Entdeckung seiner (uneingestandenen) Homosexualität lässt Ennis alle Chancen auf zufriedene Zweisamkeit verstreichen: Es tut weh, diesem Liebesscheitern zuzusehen. Wie Ledger und Gyllenhaal das verhinderte Landarbeiter-Paar verkörpern, als Männer der Tat ohne Vokabular fürs Wesentliche, ist atemberaubend.

Und alles passt: die niemals kitschige Musik (Oscar!), die majestätischen Landschaftsbilder, die lakonische Dramaturgie. Die meisten Szenen wirken wie bloß angespielt, nichts wird überdeutlich auserzählt, und in dieser Verknappung liegt die Meisterschaft der Macher. Jeder Schnitt, der mal wieder unerbittlich mehrere unerfüllte Jahre überspringt, schmerzt. Die Emotionalität dieses Tränenziehers wird – schwul hin oder her, Westernfan her oder hin – gewiss jeden Zuschauer in seinen Bann ziehen. Schon jetzt ein Meilenstein des US-amerikanischen Gefühlskinos.



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INHALT

Einen Sommer lang schützen der schweigsame Ranch-Helfer Ennis Del Mar und der texanische Rodeo-Cowboy Jack Twist in den Bergen von Wyoming Schafe vor wilden Tieren und Dieben, teilen den harten Alltag bei Tag und Nacht in der Natur. Bald realisieren sie, es ist mehr als nur der Job, der sie verbindet: eine Liebe gegen alle Konventionen. Auch wenn sich ihre Wege trennen, jeder von ihnen eine Familie gründet, die Leidenschaft flammt wieder auf. Über Jahrzehnte hinweg treffen sie sich regelmäßig. Doch die Probleme bewältigen sie nie so richtig.
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Eure Kritiken zu Brokeback Mountain

  1. Detlef74

    Klasse klasse klasse! Die ruhige Geschichte, vorgetragen durch zwei herausragende Darsteller ist ein Augenschmauss, ein Meisterwerk, berührend, ehrlich, leise. Unbedingt ansehen!

  2. Calvin

    Sorry Leute, aber für mich ist der Film eine kleine Enttäuschung! Nach all dem Gejubel im Vorfeld habe ich einen großartigen Film erwartet; gesehen habe ich aber nur einen mittelmäßigen! Die Liebesszenen sind einfach zu gefühllos, da bahnt sich nichts an, die zwei fallen ja einfach über einander her. Zeitweise schleppt der Film langweilig vor sich hin…. Das einizig besondere ist halt, dass da zwei Schwule die Hauptrolle spielen, was in Deutschland kein großes Tabu mehr ist (in den USA vielleicht schon). Schade! Ein zweitklassiger Film!

    calvin

  3. Ashra

    Mehr erwartet War sehr schön der Film, mit viel Gefühl und wunderschönen Bildern. Aber Nach all den Preisen und der Werbung hab ich viel mehr Erwartet. War sehr langsam erzählt und eher etwas langweilig. Die Schauspieler hingegen fand ich klasse. Ein sehr schöner Film. Eine sehr schöne Seite hier,

  4. Damir

    Ja bin ich denn der einzige, der sich bei dieser gärenden Schmonzette so schlimm gelangweilt hat?!! Einmal hätten 90 Minuten für die Story lange gereicht, zum anderen war die Liebe der beiden Protagonisten eher behauptet als nach- und mitfühlbar. Also ich hab kein Taschentuch gebraucht.

  5. Romana

    Ich freue mich über die Leidensgenossen, die dieser Film auch nicht loslässt. Es ist mir heute beim zweiten Ansehen der Gedanke gekommen, daß ein Happy-End, so wie es sich die beiden erträumen, wahrscheinlich in der Katastrophe geendet hätte. Das macht mich wütend und traurig zugleich.

    Wunderbar eindringlich ist die ‚Abschiedsszene‘ am See mit dem plötzlich weinenden Ennis. Das Bild, ich meine das Kamerabild, des zusammengebrochenen Ennis nach dem ersten Abschied ist allerhöchste Kinokunst und hat sich schon ganz ganz tief ins Herz eingegraben.

  6. Hölderlin

    Viele versuchten umsonst, das Freudigste freudig zu sagen,
    Hier spricht endlich es mir, hier in der Trauer sich aus.

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