AKTUELL IM KINO

Brimstone

Plakat zum Film Brimstone mit allen beteiligten Darstellern gezeichnet.

Bild (c) 2017 Koch Media.

Der niederländische Regisseur Martin Koolhoven feierte mit seinem Weltkriegsdrama „Mein Kriegswinter“ im Jahr 2008 seinen internationalen Durchbruch. Seitdem versuchte er ein Herzensprojekt, seinen ersten englischsprachigen Film, ein Western, erfolgreich ins Kino zu bringen. Finanzierungen seitens größerer Studios schlug er dabei aus, weil ihm niemand eine endgültige Schnittfassung gewähren wollte. Bei dem Versuch, das Projekt unabhängig zu finanzieren, erlitt er sogar einen Nervenzusammenbruch.

Western haben es dieser Tage generell schwer, den Weg über das Hollywood-Studiosystem zu gehen und dabei gleichzeitig noch so etwas wie künstlerische Integrität zu wahren. Es sei denn, es handelt sich um ein Remake eines bekannten Genre-Vertreters wie „Die glorreichen Sieben“. So bleibt immerhin der Weg für oftmals kleine, interessante Nischenauswüchse. „Brimstone“ nimmt diese Chance wahr und präsentiert einen fast sadistischen Horrorwestern, der knapp 150 Minuten neue Wege einschlagen möchte, dabei allerdings zu oft auf altbekannte Muster zurückfällt.

Im Zentrum der Geschichte steht die stumme Liz (Dakota Fanning), deren Erzählungen Koolhoven in vier Kapitel aufteilt. Alle sind nach Bibelpassagen (Offenbarung, Exodus, Genesis, Vergeltung) benannt. Die ersten drei Kapitel erzählen in umgekehrter Reihenfolge von den Leiden der Hauptprotagonistin, die versucht, im wilden Westen ein neues Leben anzufangen. Ein Plan, den ein namenloser holländischer Pastor (Guy Pearce, „Memento„) durchkreuzt, als er in der kleinen Gemeinde ankommt, in der sich Liz ein recht behutsames Leben mit ihrem Ehemann Eli (William Houston), ihrem Stiefsohn und ihrer Tochter aufgebaut hat: Nicht nur gibt er ihr die Schuld am Tod eines Neugeborenen, das sie zur Welt gebracht hat, hinter seinem Zorn scheint noch viel mehr zu stecken. Schritt für Schritt soll sich herausstellen, dass der sadistische Geistliche und Liz eine düstere gemeinsame Vergangenheit haben.

Szene aus dem Film Brimstone mit Hauptdarstellerin Dakota Fanning in einer Bar. Warum Regisseur Koolhoven sich dazu entschieden hat, die vier Kapitel in nicht-chronoligischer Reihenfolge zu erzählen, bleibt zunächst einmal unklar. Denn letztendlich handelt es sich um ein Stilmittel, um den Zuschauer bei der Stange zu halten. Über zweieinhalb Stunden Qual, Folter und Düsterkeit sind allerdings schwer zu verdauen, wenn nicht zumindest ein wenig Neugierde mitspielt. Das vermeintliche Hauptthema, die Misshandlung von Frauen durch selbstgerechte Männer – in diesem Fall zusätzlich mit der Bibel bzw. mit religiöser Rechtfertigung bewaffnet – kommt deswegen vor allem zu Beginn des Plots zu kurz.

Zwar überzeugt Guy Pearce in der Rolle des blutrünstigen Reverend von der ersten Minute an, wirkt allerdings auch wie ein karikaturhafter Bösewicht, von dessen Erscheinungsbild sich der Film auch im weiteren Verlauf nur schwerlich lösen kann. Hintergründe, Motivationen oder gar eine überzeugende Psychologisierung spart Koolhooven weitestgehend aus, was aber dringend nötig wäre, um den tristen Horror zu transzendieren. Leider opfert Koolhoven tiefergehende Erkenntnisse über das Zusammenspiel zwischen Misogynie, Macht und Religion dem vordergründigen Leid, welches er seinen Protagonistinnen zufügt und an dem er sich gelegentlich geradezu ergötzt.

Szene aus dem Film Brimstone mit Kit Harington, der eine Pistole im Anschlag auf jemanden richtet. Dakota Fanning darf mit ihrem unbestrittenen Talent ihrer eingeengten Rolle mehr Dimensionen verleihen, auch wenn ihr eine Stimme größtenteils verwehrt bleibt. Eine naturalistische Stärke strahlt sie dennoch aus, auch wenn sie wenig mehr als das ewig gejagte und leidende Opfer verkörpern darf. Schauspiel ist nicht das Problem, es sind vielmehr die schwach ausgearbeiteten Rollen, welche den Darstellern ins Drehbuch geschrieben wurden sowie die grausamen Szenen und Szenarien, die sich stets selbst zu übertreffen versuchen je weiter die Geschichte in die Vergangenheit zurückreist.

 




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