KRITIK

Bridge of Spies

Bild (c) 2015 Twentieth Century Fox.

Bild (c) 2015 Twentieth Century Fox.

Man könnte „Bridge of Spies“, den aktuellen Film von Steven Spielberg, auf viele Aspekte hin untersuchen. Und das ist erst einmal gut so. Ob dieser Spionage-Thriller über einen cleveren Versicherungsanwalt, der zum Unterhändler für einen Gefangenenaustausch bestimmt wird, nun in das aktuelle politische Tagesgeschehen passt, im Vergleich mit anderen Filmen des Genres verliert oder gewinnt oder seine Hauptfigur mal wieder „etwas molliger“ geworden ist, die Untersuchungsergebnisse dazu werden aber besser an anderer Stelle erörtert. Weitaus weniger kopflastig dazu ein Zitat vom Meisterregisseur selbst: „Kino, das ist das Leben was uns umgibt. Nur besser.

Das Kino von Steven Spielberg ist schnell skizziert. Es lässt sich in den jüngsten Fällen mit „tugendhaft“, „familienfreundlich“ und „konventionell“ umschreiben. So auch „Bridge of Spies“: Innerhalb des beeindruckenden Œuvres des bald 70-jährigen dreifachen Oscar-Gewinners, dessen über 30 Filme in der Verantwortung als Regisseur jeweils Minimum das Doppelte ihres Budgets eingespielt haben, und der mit Meisterwerken wie „Der weiße Hai“ (1975), „Jäger des verlorenen Schatzes“ (1981) oder „Jurassic Park“ (1993) Maßstäbe setzte, findet dieser Film in der Sektion der jüngeren Geschichtsstunden („Schindlers Liste“, „München„, „Lincoln„) seinen nächsten, wenig innovativen Platz. Mittelmaß war hingegen nicht zu erwarten. Erst Recht nicht im Zusammenspiel mit den Drehbuchautoren Joel und Ethan Coen. Wer aber von diesen drei Filmenthusiasten eine detailgetreue Nacherzählung der tatsächlichen Ereignisse rund um einen Gefangenenaustausch im Berlin zum Zeitpunkt des Mauerbaus erwartet, sollte lieber die zahlreichen Bücher und TV-Dokumentationen zum Thema studieren.

Szene_BridgeofSpiesAllein die Besetzung ist hier ein Statement: Mit seinem unnachahmlich dackeligen Charme gibt „Everybodies Darling“ Tom Hanks den cleveren Anwalt James B. Donovan, der sich auf Versicherungsfragen spezialisiert und sich dabei einen bescheidenen Wohlstand erarbeitet hat. Eines Tages bekommt Donovan einen leicht vergifteten Auftrag: Er soll Verteidiger des überführten russischen Spions Rudolf Abel sein. Abel, der zu Beginn von Spielbergs Stammkameramann Janusz Kaminski in sonnig wohlig warme Farben getaucht wird, erhält den Körper des Briten Mark Rylance. Mit wenigen Worten und behutsamen Gesten gibt Rylance seiner Figur eine Würde und Ehre, die man seit Sean Connerys „Marko Ramius“ in „Jagd auf roter Oktober“ (1990) nicht mehr bei einem Sowjetagenten in einem Hollywood-Film beobachten konnte.

Beim ersten Aufeinandertreffen von Donovan und Abel ist das Eis schnell gebrochen. Und ohne sich lange mit lästigen Themen wie Figurenzeichnung oder menschliche Ecken und Kanten aufzuhalten, werden die beiden gegnerischen Parteien im Folgenden noch einmal klar umrissen: Dafür sorgen zahlreiche Gegenüberstellungen, in denen der östliche Justizapparat mit Uniformen und anderen Insignien sozialistischer Staatlichkeit beeindruckt, während bei der Anhörung im Westen Tom Hanks von Mächtigen umgeben ist, die eher wie Geschäftsträger des Kulturliberalismus aussehen als Politiker. So weit so vorhersehbar.

Szene_Bridge-of-SpiesEs folgt – wie so oft bei Spielberg – ein Statement für den typischen untrüglichen, tugendhaften amerikanischen Pragmatismus: In einer außergerichtlichen Absprache mit dem zuständigen Richter (was natürlich im wirklichen Leben so niemals passiert ist) kann Donovan erreichen, dass Abel nicht hingerichtet, sondern für den Fall eines notwendigen Austausches als Geisel bewahrt wird. Und die Gelegenheit folgt auf dem Fuße, als der Pilot Francis Gary Powers beim Spionageflug über der Sowjetunion abgeschossen wird. Noch etwas diffiziler gerät die Lage, als auf der ostdeutschen Seite Berlins ein junger amerikanischer Student inhaftiert wird, der, durch den Mauerbau überrascht, zur falschen Zeit am falschen Ort war. Und es dürfte klar sein, wer jetzt den Austausch der beiden Gefangenen mit dem müden Rudolf Abel in Berlin in die Wege leiten soll …

Klarer kann ein Stament auf den tugendhaften amerikanischen Pragmatismus kaum sein. Und wenn auch im Drehbuch der Gebrüder Coen immer mal wieder große Sympathie für die benachteiligten Figuren und ein großes Können hinsichtlich ihrer unterhaltsamen Dialoge durchscheint, so fügt Altmeister Steven Spielberg seinen jüngeren Geschichts- und Sozialkunde-Statements zwei weitere Lehrstunden hinzu. Auch wenn diese, wie bei „Bridge of Spies“ zu sehen, mit großem handwerklichen Geschick inszeniert sind, und es manches Mal scheinbar in der Geschichte großer Mühen bedurfte, um diese alten Tugenden durchzusetzen. „Kino, das ist das Leben was uns umgibt. Nur besser.

 




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