KRITIK

Boogie Nights

Boogie Nights Jung-Regisseur Paul Thomas Anderson feiert mit Boogie Nights einen bittersüßen Abgesang auf die Ära der Polyesterhemden und Plateauschuhe, der niedrigen Hemmschwellen und lasziven Ausschweifungen. Eine Zeit, in der man Porno-Stars wie Linda Lovelace oder Gloria Leonard auf der Leinwand bestaunen konnte, und John Travoltas ekstatische Saturday Night-Zuckungen Mode wurden. So pulsiert Andersons 155-minütige Retrospektive in den Disko-Rhythmen der späten siebziger und frühen achtziger Jahre, lässt sich von Hot Chocolates „You Sexy Thing“, Commodores‘ „Machine Gun“ oder Apollo 100’s „Joy“ antreiben.

Schon in der furiosen Eröffnungssequenz stürzt sich Robert Elswits Kamera mitten hinein in das fiebrige Getümmel des „Hot Traxx“-Nachtclubs, stellt während einiger furioser Fahrten durch den Laden kurz die Hauptfiguren vor, ohne jedoch bei irgend jemandem zu verweilen. Es ist dem erst 27-jährigen Paul Thomas Anderson anzurechnen, dass sein Sex ’n‘ Soul-Revival dabei nicht zur albernen Fundus-Fledderei mit Oldie-Beschallung verkommen ist, sondern die flirrende, aufgeheizte Atmosphäre der „dancing days“ spürbar macht. Ebenso zeichnet er ohne nostalgische Verklärung das Sittenbild einer stolzen Branche, die sich ihre Daseinsberechtigung nahm, aber von Drinks, Drogen und Videoramsch erstickt wurde. Anderson verzichtet auf Hardcore-Szenen, und er glorifiziert die Sex-Industrie beileibe nicht, doch sein eigentümlicher California-Clan darf die feuchtfröhliche Phase der sorglosen Erfüllungen genießen, bevor der Abstieg in den Hinterhof des Porno-Palastes beginnt.

Leider wirkt Boogie Nights während dieser finsteren Passagen bisweilen reichlich sprunghaft, entwickelt Längen. Und das versöhnliche Ende erscheint angesichts des Niedergangs seltsam unmotiviert. Darüber müsste man enttäuscht sein, würden die grandiosen Darsteller, allen voran Burt Reynolds und Mark Wahlberg, nicht für vieles entschädigen. Reynolds brilliert als alternder Regisseur, der davon träumt, Kunst und Körperkultur zu verbinden. Und die Rolle des Dirk Diggler, für die der legendäre Porno-Star John C. Holmes Pate gestanden haben soll, füllt das ehemalige Unterhosen-Model Wahlberg perfekt aus. Er hat schon in Jim Carroll bewiesen, dass er ein ernstzunehmender Schauspieler ist. Hier bewältigt er höchst beeindruckend den Wandel vom Sonnyboy des geilen Gewerbes zum linientreuen Koks-Konsumenten, den schließlich kein Zentimetermaß mehr aufrichten kann. Patrick Wildermann



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INHALT

Eddie Adams ist der geborene Star. Er verfügt über ein enormes Talent, und er weiß es Gewinn bringend einzusetzen: Der Junge lässt im richtigen Moment die Hosen runter und zeigt Größe. Das allein genügt schon. Seine stattliche 33-Zentimeter-Gabe befördert ihn aus einer trüben Nachtclub-Küche ins Rampenlicht des "Blue Movie"-Business, direkt vor die Kamera des ambitionierten Porno-Regisseurs Jack Horner. Der 17-jährige Tellerwäscher Eddie macht als nimmermüder Newcomer Dirk Diggler eine steile Karriere. Stellung um Einstellung wächst der Ruhm. Seine Branchen-Kolleginnen knien ihm zu Füßen. Ende der siebziger Jahre hat sich im kalifornischen San Fernando Valley eine große, glückliche Filmfamilie ihre Schmuddel-Oase errichtet. Das ergraute, väterliche Oberhaupt Jack Horner führt seinen Ziehsohn Eddie alias Dirk in diese verschworene Gemeinschaft ein, macht ihn privat und beruflich mit seiner Ehefrau und Lieblingsdarstellerin Amber Waves sowie dem Lolitahaften Highschool-Hüpfer Rollergirl bekannt. Nichts scheint die Idylle des durchtriebenen Trüppchens trüben zu können, das sich zwischen den aufreibenden Porno-Drehs bei ausgelassenen Pool-Partys entspannt. Aber allmählich steigen Dirk Diggler die Erfolge und die in Massen konsumierten Drogen zu Kopf. Das einstige Potenz-Wunder endet als hybrider Hampelmann. Und vor den Toren von Horners dionysischem Dorado lauert schon der kosten- und zeitsparende Videofilm. Die Tage der tabulosen Zelluloid-Zärtlichkeiten sind gezählt. Licht aus, Hose zu!
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