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Bleed for This

Bild (c) Sony Pictures Germany.

Sportfilme, speziell Boxerfilme, bilden die perfekte Metapher für eine Geschichte über den Loser / den Underdog, der buchstäblich gegen alle Widrigkeiten kämpft, um schlussendlich als Champion dazustehen – nicht nur als Sieger einer Sportart, sondern auch als Sieger der Zuschauerherzen. 1976 verstand ein noch unbekannter Sylvester Stallone diese Mechanismen einer emotionalen Achterbahnfahrt perfekt, schrieb mit „Rocky“ sein erstes Drehbuch (und spielte die Titelrolle), welches das Publikum emotional mitriss und ihn selbst in den Hollywood-Olymp katapultierte.

Bis heute versuchen Produzenten, Regisseure, Drehbuchautoren und Darsteller diese Formel immer wieder aufs Neue auszutesten und vielleicht einen ähnlichen (erfolgreichen) Effekt zu erzielen. 2010 kämpfte sich Mark Wahlberg in „The Fighter“ aus der Bostoner Unterschicht heraus. 2015 trainierte sich Jake Gyllenhaal stahlharte Muskeln für „Southpaw“ an, um den Tod seiner Ehefrau zu verwinden und seine Tochter zurückzugewinnen. Und 2016 versuchte Michael B. Jordan als Adonis Creed in dem gleichnamigen Film „Creed“ mit der Hilfe von Sylvester Stallone alias „Rocky„, das Erbe seines verstorbenen Vaters Apollo Creed (Carl Weathers) weiterzuführen. Mit „Bleed for This“ folgt ein weiterer Versuch, die Zuschauer für ein (wahre) Geschichte zu begeistern, diesmal von Regisseur Ben Younger (Ri$iko – Der schnellste Weg zum Reichtum“, „Couchgeflüster“).

Der junge Profiboxer Vinny Pazienza (Miles Teller) hat kein Problem damit, Schläge einzustecken oder Schmerzen zu ertragen. Allerdings macht ihn das nicht notwendigerweise zu einem guten Boxer. Nach einigen verlorenen Kämpfen, nimmt sich der ausgebrannte und dem Alkohol nicht abgeneigte Trainer Kevin Rooney (Aaron Eckhart) dem hitzköpfigen Kämpfer an und führt ihn mit einem taktisch klugen Training zum Erfolg. Dieser stellt sich schnell auch im Ring ein, denn Vinny kann seine selbstzerstörerische Tendenzen zurückhalten und gewinnt seinen ersten Titelkampf. Die Freude ist allerdings nur von kurzer Dauer: Bei einem Autounfall verletzt sich der frisch gebackene Champion so schwer an der Wirbelsäule, dass er „vielleicht nie wieder laufen kann, geschweige denn Boxen“ attestieren ihm die Ärzte. Eine sehr riskante Operation soll Abhilfe verschaffen.

Der charismatische Miles Teller („Whiplash“) wächst schnell in die Rolle des arroganten Profiboxers hinein. Über einen goßen Teil der Laufzeit muss der junge Darsteller ein sogenanntes Halo tragen, das den Kopf und die Halswirbelsäule nach einer invasiven Operation fixieren soll. Teller macht aus diesem eingeschränkten Bewegungsspielraum allerdings immer noch sehr viel, auch wenn ihm das Drehbuch nicht viel Text bzw. Emotionen für sein Spiel darreicht. Boxen ist Vinnys Leben und nach einiger Überzeugungsarbeit ist auch sein Trainer Kevin dazu bereit, Vinny boxtechnisch wieder auf Vordermann zu bringen. Aber auch wenn sich Teller für seine Rolle ordentlich Muskeln antrainiert hat und sich schreiend und schnaufend auf die Brust klopft, fällt es Regie und Darsteller schwer, hinter die Obsession eines Boxers zu schauen. Immerhin erlaubt Regisseur Ben Younger den Zuschauern zwischendurch die ein oder andere überzeugende und wortlose emotionale Reaktion, z.B. wenn Vinny realisiert, dass sein Leben nie wieder dasselbe sein wird. Der Rest bleibt ein psychologisches Rätsel, welches nie vollständig ergründet wird.

Der Regisseur und Drehbuchautor Ben Younger konzentriert sich lediglich auf die etwas oberflächliche „Malen nach Zahlen“ – Geschichte. Es ist nicht schwer vorher zu sehen, dass Vinny seine Verletzungen überwinden wird, allerdings wird selbst der Kampf mit den Verletzungen und den daraus resultierenden Einschränkungen viel zu kurz dargestellt. Die potenziell interessante Beziehung zwischen Vinny und seinem Vater Angelo (sehr gut: Ciarán Hinds), der um die Sicherheit seines Sohnes besorgt ist und sich selbst die Schuld an dessen Misere gibt, bleibt unausgegoren. Auch das Verhältnis zu Trainer Kevin Rooney wird nie wirklich im Detail untersucht. Auch wenn sich Aaron Eckhart mittels Schmierbauch und Halbglatze physisch beeindruckend transformiert, wirkt sein ausgebrannter und widerborstiger Trainer mit Alkoholproblem oftmals mehr wie ein Klischee und nicht unbedingt wie eine reale Figur.

Zwar gelingt es Ben Younger überzeugend und geerdet das Mittelschicht-Mileu einzufangen, in dem sich Vinny bewegt, aber selbst das dient letztendlich nur als Hintergrund-Staffage und hat wenig Bedeutung für Figuren oder Publikum. „Bleed for this“ folgt streng dem Sport- und vor allem dem Boxerfilm-Konzept. Allerdings mit einen für den Protagonisten neuen Trainingsmethoden, Trainingsmontagen und einem stimmungsvollen Soundtrack. Dabei bietet das Drama durchaus solide bis sehr gute Darstellerleistungen und gut choreografierte Boxkämpfe. Überraschungen oder gar ein Abweichen von der bewährten sowie bekannten, „herrkömmlichen“ Formel bleiben leider aus. So beeindruckend diese wahre Geschichte und ihre Heldenreise auch sein mag, das Emotionale überträgt sich (viel zu) selten auf das Publikum.

 

Kritikerspiegel Bleed For This



Gian-Philip Andreas
Westfälische Nachrichten
6/10 ★★★★★★☆☆☆☆ 


Christian Gertz
nadann... Wochenschau, mehrfilm.de
5/10 ★★★★★☆☆☆☆☆ 


Stefan Turiak
Widescreen, mehrfilm.de
6/10 ★★★★★★☆☆☆☆ 


Durchschnitt
5.5/10 ★★★★★½☆☆☆☆ 


Weitere Noten zu aktuellen Kinofilmen findest Du in unserem Kritikerspiegel.
 

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