KRITIK

Blau ist eine warme Farbe

Bild (c) Wild Bunch

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Zwei Meisterwerke hat der Schauspieler und Regisseur Abdellatif Kechiche bereits gedreht. Dieses ist sein drittes. In „L`Esquive“ (2004) ließ der Franko-Tunesier migrantische Jugendliche aus der Pariser Banlieue Theater spielen, in „Couscous mit Fisch“ (2007) einen Mann aus dem Maghreb gegen die Bürokratie ankochen. Es wird geliebt, gestritten, gelacht und vor allem viel gegessen in Kechiches überlangen Filmen. Die Kamera ist immer mittendrin. Nüchtern, aber voller Empathie ist der Blick des Regisseurs auf seine Figuren.

Für seine fünfte Regiearbeit hat Kechiche im Mai 2013 die Goldene Palme von Cannes verliehen bekommen, gemeinsam mit seinen Darstellerinnen Adèle Exarchopoulos (in ihrer ersten Hauptrolle) und Léa Seydoux („Leb wohl, meine Königin“). Seither wird meist von den angeblich endlosen, pornografischen Szenen geredet, entweder schwärmerisch oder pikiert. Dabei fehlt den Sexszenen (die zentrale Sequenz dauert sieben Minuten) jeder voyeuristische Blick: Auch sie filmt Kechiche mit nüchterner Neugier.

Szene aus dem Film Blau ist eine warme Farbe

Bild (c) Wild Bunch

Davor muss sie jedoch erst einmal ins Rollen kommen, die leidenschaftlich auffahrende und dann am Alltag zerbröselnde Liebesgeschichte, die Kechiche hier drei Stunden lang entwirft. Schülerin Adèle (Exarchopoulos), Mädchen aus proletarischer Familie in Lille mit Karriereziel Grundschullehrerin, verliebt sich in die blauhaarige, ältere Kunststudentin Emma (Seydoux): Aufregung, Sex, große Liebe, Irritationen, Streit, Trennung, Verzweiflung, distanzierte Wiedersehen.

Es ist eine universell verständliche Liebeskarriere, die Kechiche hier in beispielhaften, grandios gespielten Szenen nachvollzieht. Und relativ unerheblich ist es, dass es sich dabei um eine lesbische Liebe handelt: Coming-of-Age statt Coming-Out. Wichtiger sind im Film die sozialen und kulturellen Unterschiede, wenn intellektuell auf bodenständig prallt.

Nach dem Triumph in Cannes gab es Krach: Julie Maroh, die Autorin der Comic-Vorlage, schimpfte Kechiche einen Pornografen, und Léa Seydoux klagte über das diktatorische Wesen ihres Regisseurs. Ob´s stimmt oder nicht: Der Film ist ein selten intensives, traurig-schönes Erlebnis und mit das Tollste, was das Kinojahr 2013 zu bieten hatte. Herausragend.

 




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Eure Kritiken zu Blau ist eine warme Farbe

  1. Tine

    Ich hatte mich so auf diesen Film gefreut, „Couscous mit Fisch“ fand ich grossartig … und ich habe mich gelangweilt, die Protagonistinnen blieben mir fremd bis unsympathisch, und die permanente Rotznase konnte ich auch irgendwann nicht mehr sehen.

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