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Blade Runner 2049

Filmplakat zum Film "Blade Runner 2049" mit den Hauptdarstellern als Teamfoto.

Bild (c) Sony Pictures Releasing Germany.

In Blade Runner 2049, der Fortsetzung des Science-Fiction-Meisterwerks von Ridley Scott aus dem Jahr 1982, begibt sich Replikantenjäger Ryan Gosling auf die Suche nach seinem seit 30 Jahren verschollenen Ex-Kollegen Harrison Ford. Der für die Fortsetzung auserkorene Regisseur: Denis Villeneuve. Der Franco-Candier schien wie prädestiniert für die Fortsetzung des Kult-Science-Fiction-Films. Auch wenn Villeneuves Regiearbeiten immer wieder mit zumindest geringfügigen inhaltlichen Schwächen zu kämpfen hatten („Sicario„), so waren sie doch visuell meist eine Augenweide. Villeneuve versprach frisches Blut für den „neuen Blade Runner“, sogar etwas vollkommen Eigenständiges, das nicht mit einem fehlgeleiteten Nostalgie-Eifer versucht, sich sklavisch an das Original zu halten. Im Gegensatz zu Ridley Scott, der bei der Fortsetzung als „Executive Producer“ in der Verantwortung stand, der jüngst aber mit seinen Alien-Fortsetzungen bzw. Prequels bewies, dass er lieber seine Mythen entzaubert, anstatt sie sinnvoll zu ergänzen.

In jedem Fall tritt die Fortsetzung „Blade Runner 2049“ ein schweres Erbe an. Die hohen Erwartungen der mittlerweile doch recht großen Gefolgschaft des Originals wird der Film kaum erfüllen können, denn gleichzeitig sollte sich Villeneuve insbesondere von den nostalgischen Erwartungen emanzipieren. Fortsetzungen, die lange Zeit auf sich warten ließen, haben immer Schwierigkeiten damit, diese Gratwanderung zu vollführen. Auch Villeneuve gelingt dies nur bedingt.

Szene aus dem Film "Blade Runner 2049", Häuserschlucht mit Silhouette von Ryan Gosling in der Dunkelheit.30 Jahre nach den Ereignissen des ersten Films ist die einst mächtige Tyrell-Corporation bankrott. Die Überreste kaufte der blinde und gleichzeitig undurchsichtige Niander Wallace (Jared Leto in der Rolle, die Villeneuve einst für David Bowie vorgesehen hatte). Dessen Großkonzern stellt ganz neue und wesentlich gehorsamere Replikanten-Variationen her, während die alten, eigensinnigen Nexus-Modelle geflüchtet und untergetaucht sind. Als der wortkarge Blade Runner K (Ryan Gosling) einen dieser älteren sogenannten „Skinjobs“ in den Ruhestand versetzt, stößt er auf ein Geheimnis, das nicht nur sein eigenes Leben umkrempeln, sondern schwerwiegende Implikationen für die Zukunft der gesamten Menschheit haben könnte.

An dieser Stelle sollte nicht viel mehr über den Plot und die Protagonisten verraten werden. Zum einen, weil Produzenten, der Regisseur selbst bis hin zum Verleih ausdrücklich zur Verschwiegenheit anhalten, zum anderen weil der Zuschauer alles andere als erfreut darüber wäre. Verschwiegenheit hin, schweres Erbe her, die 163 Minuten (!) „Blade Runner 2049“ sind zunächst einmal definitiv die Kinokarte wert. Dafür sorgen schon allein die Bilder, die Villeneuve mithilfe seines Kameramanns Roger Deakins auf die Leinwand zaubert und an visueller Wucht kaum zu überbieten sind.

Szene aus dem Film "Blade Runner 2049", startendes Raumschiff in einem Bürogebäude.Das Set- und Gadgetdesign versteht es, die Technik des ersten Filmes auf eine Weise zu modernisieren, die sie gleichzeitig plausibel wirken lässt, ohne den gewissen Retro-Touch der 80er Jahre-Zukunftsvision von Scott und Philip K. Dick völlig zu verlieren. Dabei integriert das Drehbuch von Hampton Mancher und Michael Green immer wieder kleine, nette Einfälle wie die virtuelle Hologramm-Assistentin Joi (Ana de Armas) in das Geschehen. Diese führt zusammen mit K eine Art „klischeehafte Ehegemeinschaft“ und entwickelt so etwas wie ein Eigenleben, was in der Science Fiction natürlich weder neu noch überraschend ist, aber hier immerhin eine interessante Richtung einschlägt.

Zu oft reklamiert das Autoren-Duo jedoch diese virtuelle Figur und ihre Beziehung zum Hauptprotagonisten für die (dieser Tage) typische Expositionsausschüttung. Diese ist für viele Genre-Filme typisch und bequem, um den Zuschauer alle wichtigen Punkte und Implikationen des Films noch einmal auf einen Silbertablett zu liefern, zeigt aber bei „Blade Runner 2049“ mittlerweile deutliche Abnutzungserscheinungen. Trotz einer recht langsamen und bedächtigen Erzählweise, lässt das Drehbuch kaum Raum, seine Helden beim schlichten Nachdenken zu zeigen, wie es des Original getan hat. Das Innenleben der Protagonisten muss – wenn es denn ein Innenleben gibt – immerzu nach außen gekehrt werden. Vielleicht aus Angst, das Publikum könnte beim ersten Sehen von der Handlung etwas nicht verstehen.

Szene aus dem Film "Blade Runner 2049", Ana de Armas als "Joi". Dennoch ist und bleibt es interessant, das „Blade Runner“-Universum weiter zu erkunden. Während sich das Original hauptsächlich innerhalb der Grenzen des futuristischen Los Angeles aufhielt, besucht Villeneuve die teils kahlen, teils überbevölkerten, teils verstrahlten umliegenden Gebiete. So außergewöhnlich diese visuellen Momente auch sein mögen, gelegentlich wirkt der Film jedoch damit überfrachtet und die Szenen wenig organisch ins Geschehen eingebunden.

Villeneuve kann diese Trostlosigkeit bildlich umsetzen und deswegen muss er es zeigen, so dass seine Dystopie hin und wieder zum Selbstzweck verkommt. Selbiges gilt leider auch für Harrison Ford, der leider wenig Spielraum zur Entfaltung erhält, dafür aber immerhin eine recht emotionale Entwicklung durchmachen darf und das Beste aus seiner etwas sparsam gestalteten Rolle macht. Für ein futuristisches Outfit hat er sich aber scheinbar nicht überreden lassen, Jeans und T-Shirt mussten für die Rolle ausreichen.

Szene aus dem Film "Blade Runner 2049", Robin Wright Lieutenant Yoshi und Sylvia Hoeks als Luv. Das Fehlen eines Schauspielers vom Kaliber Rutger Hauers fällt demgegenüber schmerzlich ins Gewicht, machte er doch einen Großteil der Seele bzw. künstlichen Seele des Original-„Blade Runner“ aus. Hinsichtlich seiner gesamt-darstellerischen Leistungen überzeugt die Fortsetzung dennoch: Ryan Gosling verkörpert mit seinem gewohnt störrischen und unterkühlten Charme sehr gut die Rolle des futuristischen, zurückhaltenden Roboter-Jägers, unter dessen Oberfläche immer etwas mehr zu brodeln scheint. Robin Wright darf als Lieutenant Joshi fast mütterliche Strenge und Sympathien für ihren Schützling ausstrahlen, wenn auch nicht viel mehr. Vor allem sticht aber Newcomerin Silvia Hoeks hervor, die als Jared Letos unterkühlte Assistentin Luv eine ansteckende Energie versprüht.

„Blade Runner 2049“ ist visuell und auch akustisch atemberaubend – Villeneuves Stammkomponist Jóhann Jóhannsson, diesmal nicht mit an Board, wurde durch Hans Zimmer ersetzt, der einmal mehr für eine streitbare Sound-Dröhnung sorgt. Alles bestens also? – Mitnichten. Erzählerisch ergeben sich doch einige Mängel. Und nicht nur weil mindestens ein Handlungsstrang nicht der Ambiguität willen, sondern vielmehr der Bequemlichkeit halber fallen gelassen wird – natürlich kann aber dies auch auf eine weitere mögliche Fortsetzung hindeuten, was eine weitere Krankheit des heutigen Blockbuster-Kinos darstellt. Villeneuve hat darüber hinaus – wie viele seiner Genre-Zeitgenossen (die Nolan-Büder Jonathan und Christopher befinden sich zum Beispiel hierunter) – die ermüdende Angewohnheit, erzählerische Hütchen- und Puzzlespiele mit gutem und spannungsreichen Storytelling zu verwechseln. Das kann einmal funktionieren, macht aber Science Fiction nicht notwendigerweise zeitlos.

Szene aus dem Film Blade Runner 2049, Ryan Gosling als K und Harrison Ford als Dekkert.Auch mit diesen Schwächen ist die Fortsetzung mehrere Sichtungen wert, weil es wahrscheinlich/hoffentlich jedes Mal mehr zu entdecken gibt. Darüber hinaus lohnt es auch hier, sich mit den philosophischen Ansätzen auseinanderzusetzen, auch wenn sie gelegentlich recht simpel und oberflächlich, nahezu plakativ und wenig subtil zwischen den Zeilen auftauchen. Und nach den 163 Minuten? – Der Vergleich zum „Original“? Nein, der ist unfair, denn nur selten gelingt es der Fortsetzung von Villeneuve, trotz einer generell bedrückenden Atmosphäre, die melancholische und einsame Stimmung von „Blade Runner“, dem Meisterwerk aus dem Jahre 1982, einzufangen.

 

 

 

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