KRITIK

Birdman

Bild (c) 2015 Twentieth Century Fox.

Bild (c) 2015 Twentieth Century Fox.

In Interviews hat der US-Schauspieler Michael Keaton gesagt, er habe noch nie eine Rolle gespielt, die seiner Persönlichkeit ferner liege als die des Schauspielers Riggan Thomson, den er in „Birdman“ verkörpert. Zumindest die äußerlichen Koordinaten aber sind so verblüffend deckungsgleich, dass sie bereits den Ton angeben für die wunderbare Selbstironie, die diesem meisterlichen Film innewohnt.

Riggan wurde Anfang der Neunziger zum Star, als er dreimal den Superhelden „Birdman“ spielte. Als er den vierten Teil nicht mehr drehen wollte, ging seine Karriere den Bach hinunter. Und Keaton? Der wurde 1989 als „Batman“ zum Weltstar, und als er den dritten Teil nicht mehr drehen wollte, war es mit den großen Hits vorbei. Bis jetzt. Denn mit diesem furiosen Comeback ist er für einen der neun Oscars nominiert, auf die sich der neue Film des Mexikaners Alejandro G. Inárritu („Babel“) gute Chancen ausrechnen kann.

Szene_BirdmanIm Film plant Riggan ein ambitioniertes Comeback – als Theaterregisseur und Hauptdarsteller einer Raymond-Carver-Adaption am Broadway. Inárritu erzählt inhaltlich eine überdrehte Backstage-Satire, die dort weitermacht, wo Woody Allens „Bullets Over Broadway“ aufhörte – samt eitlem Co-Star (großartig: Edward Norton), dessen Frau (Naomi Watts), überfordertem Manager (Zach Galifianakis) und Geliebter. Überragend ist Emma Stone als Riggans sarkastische Tochter, die bei der Produktion hospitiert, ihren Vater unsanft erdet und mit der wahren Popularitätswährung von heute bekanntmacht: YouTube-„Likes“. Auch sonst übt der Film beißende Kritik am traurigen Ist-Zustand von Hollywood, wo fast nur noch Fortsetzungen zu Comic-Verfilmungen produziert werden – ein Thema, das gleich zu Beginn zu einem der denkwürdigsten Filmdialoge der Saison führt.

Formal geht Inarritú aufregende Wege: Er inszeniert „Birdman“ als Abfolge von Plansequenzen ohne sichtbare Schnitte, wie Hitchcock das in „Cocktail für eine Leiche“ machte. Als Soundtrack dienen treibende Schlagzeug-Grooves: Der Drummer selbst ist mehrfach im Hintergrund zu sehen, wo er die Musik scheinbar live eintrommelt.

Und Riggan? Dem sitzt mit seiner „Birdman“-Rolle ein suggestiv raunender Teufel im Nacken – was zu surrealen Abschweifungen führt. Kein Zweifel: Inárritus „Birdman“ ist ein Höhepunkt des Kinojahres, ein ungewöhnliches, witziges, beziehungsreiches Schauspielerfest. Herausragend.

 




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Eure Kritiken zu Birdman

  1. Manni

    9 Oscars stehen abholbereit. Unverständlicher Weise nicht der für die beste Filmmusik. Antonio Sanchez´ innovativer Drumscore ist schlicht und ergreifend sensationell.

  2. Seit „Barton Fink“ von den Coens oder Altmans „Last Radio Show“ keinen so unterhaltsamen und berührenden „Blick-hinter-die-Kulissen“-Film mehr gesehen, Wow! Beeindruckend, in jeglicher Hinsicht.

  3. Kris

    Auch ich muss wie Christian mit einem Vergleich starten:

    Seit ‚The Departed‘ habe ich nicht mehr so gebannt im Kinosessel mitgefiebert, war so gefesselt von einer Geschichte.
    Der Vorwurf, dass das Kino tot sei und nur noch im Serienformat große Geschichten erzählt werden können, wird hier eindrucksvoll widerlegt.
    Auch wenn die begrenzte Zeit eines Films zwar keine allzu starke Entwicklungen von Charakteren zulässt, so werden uns die vorhandenen dafür umso intensiver präsentiert. Kamera und Geschichte gehen so nah an die Protagonisten heran, wie nur irgend möglich. Die erste Konfrontation von Keaton und Norton beim Einüben einer Szene: atemberaubend.
    Und zur Musik ist Manni durchweg zuzustimmen: Diese ist derart bestimmend für das Erzähltempo, dass ein beeindruckendes Verschmelzen von Bild und Ton forciert wird.

    Wer gutes Kino mag, der kommt um Birdman nicht herum!

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