KRITIK

Bin Jip

Bin Jip
Der junge Einbrecher Tae-suk, ein stummer und einsamer Herumtreiber, ist weder Dieb noch Didaktiker. In den Plattenbau-Wohnungen und Vorort-Villen, in die er einsteigt, stiehlt er rein gar nichts, er dekoriert sie auch nicht um, wie die Erziehungs-Revoluzzer in „Die fetten Jahre sind vorbei“. Tae-suk leiht sich bloß für ein paar Stunden das Leben der abwesenden Bewohner, schläft in deren Betten, isst aus ihren Kühlschränken und trägt ihre Kleidung. Er wäscht die Wäsche, repariert defekte Uhren, schießt Selbstporträts vor fremder Kulisse und verschwindet zurück in seine eigenschaftslose Existenz.

Was diesen Jungen umtreibt, davon erzählt Kim Ki-duks schwebend-schönes Drama „Bin Jip“, was soviel wie „leere Häuser“ heißt, nichts. Dafür umso mehr von jenem schicksalhaften Tag und seinen Folgen, als der Einbrecher die Liebe findet. In einer verlassen geglaubten Villa wird er von der melancholisch umflorten Sun-hwa überrascht, die von ihrem Ehemann geprügelt wird. Ohne Angst tritt sie dem Eindringling gegenüber, der von diesem Augenblick an ihr Schutzengel sein will. Den zurückkehrenden Mann streckt Tae-suk mit einem Golfball-Schlag nieder und entschwindet mit Sun-hwa auf seinem Motorrad in die Nacht.

Der Koreaner Kim Ki-duk hat sich einen Namen als Radikal-Poet gemacht, hat in Werken wie „Die Insel“ mit Gewaltbildern verstört, die aus der meditativen Ruhe des Erzählflusses hervorbrechen, oder, etwa in „Samaria“, Brutalität und Erlösungssehnsucht auf provozierende Weise verbunden. Auch in „Bin-Jip“ schwelt stets eine ziellose Aggression unter der Oberfläche des Geschehens, doch obsiegt diesmal eine alles mildernde Zärtlichkeit. Mit surrealer Sinnlichkeit bebildert der Regisseur die Geschichte zweier Gespenster, deren Liebe sie der Welt entrückt.

Als Tae-suk und Sun-hwa, wortlos und staunenswert von Lee Seung-yeon und Jae hee verkörpert, von der Polizei gefasst werden, findet der Film zu seinen stärksten Momenten. Während Sun-hwa zu ihrem Ehemann zurückgeschickt wird, übt Tae-suk in seiner Zelle hinter dem Rücken der Wächter Schattentänze, deren Eleganz schier atemraubend ist. Nach seiner Entlassung wird er als unsichtbarer Mitbewohner zu seiner Geliebten zurückkehren und traumwandlerisch um das Glück kämpfen, das hier die einzige Heimat ist.



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INHALT

Tae-suk bricht in Häuser ein, deren Eigentümer verreist sind. Er will nichts stehlen, er will sich nur ein paar Tage sorgsam um den fremden Ort kümmern und dort wohnen. In einer luxuriösen Villa trifft er das unglücklich verheiratete Model Sun-hwa. Eine außergewöhnliche Liebe beginnt. Gemeinsam ziehen sie von einer leer stehenden Wohnung zur nächsten, bis die Polizei ihrem anarchischen Treiben ein vorläufiges Ende bereitet…
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Eure Kritiken zu Bin Jip

  1. Cinemaniac

    Was für ein Film! Trotz der wenigen Worte meint man nach dem Film zu schweben, unbedingt ansehen!

  2. oni

    übernatürlichein toller film, den man nicht verpassen sollte! was wirklich und unwirklich ist, geht völlig ineinander über und ist dabei so glaubhaft.

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