KRITIK

Berliner Philharmoniker in Singapur – A Musical Journey in 3D

Plakat zum Film Berliner Philharmoniker in SingapurEs war nur eine Frage der Zeit, bis die neue 3D-Technik auch im Konzertfilm eingesetzt wird. Und viele Klassikfans dürfte es kaum verwundern, dass ausgerechnet die Berliner Philharmoniker weltweit die ersten waren, die das teure (Kamera)Equipment vor, über und zwischen den Orchesterreihen zuließen. Schließlich war den Medienverantwortlichen des von Sir Simon Rattle in die Weltspitze dirigierten Orchesters nicht erst mit dem großen Erfolg der Dokumentation „Rhythm is it“ von Thomas Grube aus dem Jahr 2004 klar, dass das Optische im Zeitalter von Handyvideos, Youtube und Co. längst über alle Sinne dominiert. Seit drei Jahren werden bereits die Konzerte der Philharmoniker in der sogenannten „Digital Concert Hall“ live im Internet übertragen, der Kulturtransport über diese und weitere mediale (Video-)Kanäle ist in diesen Tagen überlebenswichtig, auch für ein Orchester von Weltrang. Auch aus diesem Grund durfte Regisseur Michael Beyer bei einem der wenigen Auslandsauftritte der Philharmoniker seine 3-D-Kameras im Konzertsaal platzieren. Die Wahl fiel dabei auf das Esplanades Theatre on the Bay in Singapur.

Aus dem `Esplanade Theatre `, einer fast ovalen „Kampfarena“ mit hoher Brüstung, serviert Michael Beyer zusammen mit seinem Co-Regisseur und Kameramann Tomas Erhart dem Kinopublikum ein Seh- und Hörerlebnis, wie es auf keinem noch so teuren Sitzplatz in den besten Konzertsälen der Welt zu haben ist. Vom bebenden Kehlkopf des Klarinettisten über die ungeschnittenen Fingernägel des Posaunisten bis zum wild auf-und-ab-hüpfenden Violinisten wird dem Klassikfreund weit mehr geboten, als er (für die wesentlich teurere Karte) in einem Konzertsaal bekommen würde. Mit der Spezialbrille auf der Nase rückt der Dirigent plötzlich in greifbare Nähe, der Kinobesucher wird gefühlt ein Teil des Orchesters.

Szene aus der Dokumentation Berliner Philharmoniker in Singapur

(c) Monika Rittershaus NFP/DPA

Die berechtigte Frage lautet aber: Wieviel Offenheit bzw. Detailverliebtheit verträgt der Konzertgenuß? Lenken die Bilder nicht viel zu sehr vom Hörerlebnis ab? Was hat der Klassikfan davon, wenn im Bild der Bogen der ersten Geige zu sehen, von der Tonspur aber das gesamte Orchester zu hören ist? Mitunter wirken die Fahrten durch die Orchesterreihen regelrecht desillusionierend. Und die erwartungsvollen Blicke der pausierenden Musiker liefern da nur einen geringen Mehrwert. Spätestens mit dem zweiten und dritten Satz von Gustav Mahlers 1. Sinfonie, die für die Auslandsreise des Orchesters im Jahr 2010 auserwählt und einstudiert wurde, wirken die Fahrten durch die Orchesterreihen regelrecht ermüdend. Was nicht an Mahlers aufmunternden Fanfarenklängen liegen kann.

Spätestens zu diesem Zeitpunkt sehnt man sich nach einer dramaturgischen Pause, einem „Infoblock“, mit denen bereits der musikbegeisterte Filmemacher Thomas Grube in ähnlichen Konzertfilmen (`Trip to Asia`) seine Zuschauer bei Laune zu halten wusste und – mehr noch – manchesmal sogar in Erstaunen versetzte. Diese Forderung tragen die Filmemacher in Ansätzen mit dem zweiten Stück Rechnung: Sergej Rachmaninovs beschwingte `Sinfonische Tänze´ werden mit Impressionen aus diversen Stadtteilen Singapurs untermalt. Während zu Anfang jedoch (bildbeschleunigte) Lastkräne im Hafen Singapurs passend zu den Klängen von Rachmaninov tanzen, werden im weiteren Verlauf Studenten und Kleinkinder aus dem Stadtbild mit der Kamera festgehalten, Bewohner also, die nur sehr wenig bis gar nichts mit der Musik zu tun haben. Da hätte man sich mehr Kreativität und Einfallsreichtum gewünscht.

Szene aus der Dokumentation Berliner Philharmoniker in Singapur

Esplanades Theatres on the bay Singapur (c) Mori Hidetaka NFP

Richtig enttäuschend ist aber, dass die eingeblendeten Impressionen aus dem Stadtbild bei weitem nicht den technischen Anforderungen an eine 3-D-Projektion entsprechen. Die Bilder sind so kontrastarm (vermutlich weil sie künstlich auf 3-D getrimmt bzw. nachgearbeitet wurden), dass der Griff zur 3-D-Brille weg der Nase unverzichtbar wird. Und weil auch dies nicht viel hilft, möchte man am liebsten die Augen schließen. Ja, richtig gelesen! Man möchte am liebsten im dunklen Kinosaal die Augen schließen. Spätestens zu diesem Zeitpunkt kann man nicht mehr von einem empfehlenswerten Konzertfilm reden. Wenn also der „Demokratie im Orchesteralltag und im Umgang mit dem Publikum“ Rechnung getragen werden soll, wie es in den Statuten der Philharmoniker seit der Gründung 1882 geschrieben steht, dann doch bitte im Kino mit mehr Hintergrundinformationen und einfallsreicheren bzw. qualitativ vorzeigbaren Bildern.

  



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INHALT

Ein Konzertmitschnitt in 3D, inszeniert von Michael Beyer. Im ersten Teil des Films spielen die Berliner Philharmoniker Gustav Mahlers „Sinfonie Nr. 1“, gezeigt als einmaliges, atemberaubendes 3D-Konzerterlebnis. Im zweiten Teil untermalen Regisseur Michael Beyer und Kameramann und Co-Regisseur Tomas Erhart Rachmaninovs "Sinfonische Tänze" mit Bildern aus der asiatischen Metropole. Geleitet von seinem Chefdirigenten Sir Simon Rattle spielt das auf allen Kontinenten berühmte Orchester in den Esplanade Theatreson the Bay in Singapur.
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