KRITIK

Ben Hur

Bild (c) 2016 Paramount Pictures GmbH.

Bild (c) 2016 Paramount Pictures GmbH.

Ein spannend inszeniertes Wagenrennen, packend genug, um den Geist genau des ikonischen Wagenrennens aus dem Film „Ben Hur“ (ohne Bindestrich) von 1959 wieder kurz heraufzubeschwören, ist gleichfalls kein ausreichender Grund, um ein bisweilen schlampiges und meist wahllos zusammengestückeltes Remake zu rechtfertigen. Was für die Korrelation von Giebelnistern und Temperaturen über 27° gilt, gilt leider auch für „Ben-Hur“ (englischer Titel mit – im deutschen Filmtitel ohne Bindestrich), der denselben Namen trägt, und im Spätsommer die Leinwände erreicht.

Wer sich DEN „Ben Hur“ von William Wyler aus dem Jahr 1959 anschaut, einen Klassiker aus der goldenen Hollywood-Ära, so riesig und bisweilen schwerfällig, dass selbst die Dialoge so landen als wären sie ausschließlich für Männer mit möglichst breitem Kinn geschrieben worden, dem fällt schnell etwas auf: In der Hoffnung, dass ihre massigen Kaumuskel die Gestelztheit von endlosen Gesprächen über hohe Ideale und die Geburt der Christenheit nicht zermalmen, gelingt es nur einem Darsteller, den Zuschauer direkt zu berühren und mitzunehmen.

Über drei Stunden hält der (nicht immer sofort durchschaubare) Handlungsverlauf den Zuschauer in einem staubigen Epos mit einem Versprechen bei der Stange. Und nein, es ist nicht die Zuversicht, am Ende das größte Wagenrennen aller Zeiten zu sehen. Ganz im Vordergrund steht ein Mann. Einer, der in unseren Tagen wegen seiner politischen Einstellung oft verlacht wird. Aus purer Unkenntnis seiner Biographie. In „Ben Hur“ sticht er wie eine Eiche aus Birkenzweigen hervor: Die Rede ist von Charlton Heston.

Heston brachte dem Epos Präsenz und Maskulinität, er erscheint wie jemand, der mit einer bulligen, dennoch zugleich inneren Stärke gesegnet ist, einer Sturheit, die sich in Muskeln verwandelt hat. Perfekt für den titelgebenden Hengst, der zum Sklaven wird. Heston war seiner Zeit geballter Hollywood-Glamour, ein von Michelangelo gemeißelter Gott auf Breitbild, für die Ewigkeiten gebannt.

Man möchte meinen, diese Art von gladiatoreskem Helden nebst der dazugehörigen Verehrung sei heute ausgestorben und passé. Aber wie zu erwarten liegt man mit dieser Annahme falsch. In „Gladiator“ spielt Russel Crowe in exakt diese Karte, „Mad Max„, die letzten beiden Inkarnationen von Batman, sie alle sind die geistigen Erben dieses männlichen Helden. Die ersten beiden sogar weit darüber hinaus.

Jack Huston plays Judah Ben-Hur and Morgan Freeman plays Ilderim in Ben-Hur from Metro-Goldwyn-Mayer Pictures and Paramount Pictures.

Jack Huston plays Judah Ben-Hur and Morgan Freeman plays Ilderim in Ben-Hur from Metro-Goldwyn-Mayer Pictures and Paramount Pictures.

Der neue „Ben Hur“ allerdings ist der britische Schauspieler Jack Huston. Sein Judah Ben-Hur ist frei von dieser urweltlichen Präsenz. Sicher, die Besetzung mag einem reichen Prinzen aus Jerusalem auf dem Papier gut zu Gesicht stehen. Aber wie soll es ausgerechnet ihm gelingen, nicht daran zu zerbrechen, von den Römern um Heim und Familie gebracht und zum Galeerensklaven gemacht zu werden? Huston, der seines Zeichens sowohl aus dem britischen Adel, als auch aus dem des Showbiz kommt (er ist der Enkel von niemand geringerem als John Huston), ist kein schlechter Schauspieler.

Huston, der jüngere, ist aber in vielerlei Hinsicht „weich“. Seine Performance zündet einfach nicht. Wenn er angekettet rudert, unter Deck eines römischen Kriegsschiffs und seinen Mitgefangenen rät, sich nicht länger zu sorgen, sondern einfach nur zu überleben, dann ist es diese Art stoischer Ratschlag, der von Crowes Maximus getragen werden könnte. Und bei letzterem viel schneller wirkt. Wenn Huston versucht, diese Botschaft zu transportieren, dann klingt er wie aus einem Unicef-Werbespot.

Jack Huston plays Judah Ben-Hur, James Cosmo plays Quintus and Dato Bakhtadze plays Hortator in Ben-Hur from Paramount Pictures and Metro-Goldwyn-Mayer Pictures.

Jack Huston plays Judah Ben-Hur, James Cosmo plays Quintus and Dato Bakhtadze plays Hortator in Ben-Hur from Paramount Pictures and Metro-Goldwyn-Mayer Pictures.

Mit seinen langen, ungepflegten Haaren, dem passenden, zerzausten Bart und diesen traurigen Augen erinnert er nicht an einen stolzen, unbeugsamen Prinzen, sondern an einen Musiker auf Sinnsuche, wie George Harrison vielleicht auf dem Cover seines ersten Solos „All Things Must Pass“. Jack Huston wirkt wie ein Sklave, der zum trübsinnigen Pazifisten wurde. Jesus Christus, der im neuen „Ben Hur“ zu einer vollen Rolle ausgewachsen ist (dargestellt mit einem Hauch von himmlischer Aura durch Rodrigo Santoro), würde einen besseren Judah Ben-Hur abgeben als Huston – und umgekehrt.

Huston wirkt schlichtweg ein wenig zu freundlich, zu nett, zu weich, um überzeugend einen Typen zu präsentieren, der vier weiße Pferde mit Peitschenknall vorwärtstreiben und dabei Todesverachtung aus jeder Pore schwitzen würde. Ohne einen Helden mit dieser altbackenen Mischung aus Machismo und Charisma, der einen Film um sich wickeln würde, als wäre nur er darinnen, erscheint „Ben Hur“, Jahrgang 2016, als eine tumbe, glanzlose Angelegenheit: Alles wirkt mühsam, Oliver Woods Kameraarbeit bleibt immer in diesem wenig charaktervollen Medium Close-Up. Ein Epos, das günstig produziert als Mini-Serie in der Sommerpause rausgehauen wird. Einzige Ausnahme: Das Wagenrennen.

Im Wagenrennen blitzt der cineastische Überstilist Timur Bekmambetov plötzlich auf. Der geborene Kasache machte sich mit „Wächter der Nacht“ einen internationalen Namen und brachte uns klischeebeladenen Überdreher wie „Wanted“ und „Abraham Lincoln: Vampire Hunter“. Das Wagenrennen nun, im Gegensatz zum restlichen „Ben Hur“, inszeniert er in einer ähnlich explosiven, taumelnden Zerbrechlichkeit, wie es einst im Original gelang. Rennwagen preschen auf einem Rad um Kurven, Fahrer werden zu Tode getrampelt, Pferdegespanne fallen wie Dominosteine und Dreck wird Schaufelweise auf Kameralinsen gekippt.

Dieser Akt hat die Intensität einer gegenwärtigen Schlachtsequenz, wirkt wie ein Ballett, wie das brutalste Ritual der Menschheit, gestrickt, um diese zerbrechlichen, antiken Vehikel auf zwei Rädern. Damals, 1959, wirkte das Rennen wie die Erfindung der Geschwindigkeit. Nicht umsonst gilt das Wagenrennen aus dem Klassiker als eine der Szenen, die modernes Action-Kino hervorbrachten – zusammen mit der Sprühflugzeugszene aus „Der unsichtbare Dritte“ und der Verfolgungsjagd aus „Bullitt“.

Toby Kebbell plays Messala Severus and Jack Huston plays Judah Ben-Hur in Ben-Hur from Metro-Goldwyn-Mayer Pictures and Paramount Pictures.

Toby Kebbell plays Messala Severus and Jack Huston plays Judah Ben-Hur in Ben-Hur from Metro-Goldwyn-Mayer Pictures and Paramount Pictures.

Ansonsten präsentiert sich der neue „Ben Hur“ als propulsive Wiederholung. Judah bekommt die Jesuslocken fürs Rennen abgeschnibbelt und sieht dann aus wie Ben-Hur von Beverly Hills 90210. Seine Nemesis ist Messala, sein Adoptivbruder (im Original sind sie Freunde aus Kindertagen), gespielt von Toby Kebbell. Er liefert einen hageren, grollenden Tony Robins mit römischem Pony ab. Dabei erscheint er bedrohlich genug, dass man sich wünscht, der Film würde nicht die gefühlte Hälfte der Laufzeit darauf verwenden, die Entfremdung der beiden Brüder zu installieren.

Messala stürmt irgendwann davon, zieht durch die Welt als römischer Offizier und kommt nach fünf blutigen Jahren mit rotem Mantel und kupferner Brustplatte zurück, um daheim voller Überzeugung und ohne Gnade Zeloten aufzuspüren. Judah aber versucht den Mittelweg zu wahren, dem Blickwinkel des Richy Rich zu behalten: Er will keine Veränderung, denn (so spielt Huston es) sein Leben ist gut so, wie es ist. Er will nichts ins Wanken bringen und landet dafür wie oben beschrieben auf einer schwankenden Planke unter Deck.

Die Flotte, für die er rudern „darf“ wird irgendwann von der griechischen Marine angegriffen. In einer Sequenz, die wirklich treffen würde, wäre nicht so mit 3D überfrachtet, dass sie komplett künstlich wirkt (was sie zu weiten Teilen auch ist). Judah wird an den Strand gespült, trifft dort auf Ilderim (Morgan Freeman), der mit seinen Zöpfen selber wie ein zweiter Jesus wirkt. Allerdings hat der Gute schon den Schalk im Nacken und verdient sich eigentlich seine Silberlinge damit, Fahrer für die Wagenrennen zu organisieren. Morgan Freemans Performance weckt einen kurz auf, aber dieser „Ben Hur“ schaffte es einfach nicht genug abwechslungsreiches Material aufzubieten. Selbst nach dem beeindruckenden Wagenrennen gleitet wieder alles in eine Soap-Opera ab, mit dennoch genug Zeit, um auch die Kreuzigung noch unterzubringen.

1959 wurde „Ben-Hur“ von William Wyler mit falschem Klassizismus und voller Pappkulissenmajestät inszeniert. Nichts war und nichts wollte subtil sein. Sandalenkino und mythologischer Machismo in reinster Form. Der neue „Ben Hur“ nun möchte alles menschlich erklären, beginnend mit Hustons tränenfeuchtem Judah und endend mit dem Resultat, dass die gesamte Geschichte ohne Leben dasteht. Der Rennwagen bleibt ohne Zugpferd einfach im Dreck stecken.

 

 

 

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