KRITIK

Before Midnight

Plakat zum Film Before MidnightLiebesbeziehungen sind wie Kinoserien: die guten halten von selbst, die schlechten durch geteilte Äußerlichkeiten. Liebesbeziehungen sind auch wie Einzelfolgen von Kinoserien: die guten ergeben für sich selbst einen Sinn, die schlechten nur als Teil eines Handlungsschemas. Und außerdem sind Liebesbeziehungen wie Geschichten von Kinoserien und ihren Einzelfolgen: die guten kann man immer wieder ansehen, die schlechten höchstens einmal. Doch selbst das ist zu oft bei der romantisierten Redundanz, mit der Richard Linklaters 1995 in „Before Sunrise“ begonnene und 2004 in „Before Sunset“ fortgesetzte Liebelei beschließt.

Daran, dass der Regisseur die Hauptdarsteller Julie Delpy und Ethan Hawke, die ihre eigenen Dialoge mitschrieben, für ein Sequel vereinte, erstaunt höchstens, dass er damit fast zehn Jahre wartete. Vielleicht war ihm auch insgeheim bewusst, dass die für eine Fortsetzung scheinbar geschaffene Story tatsächlich keiner bedurfte. Der junge Amerikaner Jesse (Hawke) war im Zug der Französin Celine (Delpy) begegnet. Eine Nacht lang wanderten und diskutierten sie in den malerischen Straßen Wiens, bis die vertrauten Fremden im Morgengrauen andere Verpflichtungen trennten. Das versprochene Wiedersehen brachte neun Jahre später „Before Sunset“, als der mit der Niederschrift seiner ungewöhnlichen Liebesnacht zum Bestsellerautor aufgestiegene Jesse in Paris unerwartet Celine trifft. Erneut beendet die Begegnung ein emotionaler Schwebezustand, indem Jesse zögert in das Flugzeug zurück nach Chicago zu Frau und Sohn zu steigen. Der Reiz des ersten Teils dessen, was sich als ungeplante Trilogie entpuppte, erschloss sich aus der Zufallsbekanntschaft zweier Unbekannter, denen gerade die Unvertrautheit und Ungebundenheit das Gedankenspiel darüber, was sein könnte und was nicht, erlaubte.

Szene aus dem Film Before MidnightEinzig ein offener Ausgang konnte beide Male weder die Liebe, noch ihren Unbefangenheit zerstören. Dies tut erst der formalistische Schlusspunkt, den „Before Midnight“ anstelle der amourösen Fragezeichen setzt. Es steht fünf vor zwölf in der Beziehung von Jesse und Celine, die offensichtlich bei ihrem zweiten Treffen den Zufall kein weiteres mal auf die Probe stellen wollten. Der Erfolgsschriftsteller und die Mutter von Zwillingsmädchen führen in Paris eine Beziehung mit allem, was die privilegierte Oberschicht an Komfort, Konfliktstoff und Kleingeistigkeit ausmacht. Die konservativen Normativität, der ihre vorherigen Zufallstreffen trotzten, erringt einen verspäteten Doppelsieg. Die einzige Form des Zusammenseins, die der klanglose Schlussvers des filmischen Liebesgedichts kennt, sind Klischee-Paare, deren ältere und jüngere Vertreter Vergangenheit und mögliche Zukunft der wie stets diskutierenden Hauptfiguren spiegeln. Was die emphatischen Vorwürfen und pragmatischen Beobachtungen zwischen beiläufigen Anekdoten, Alltagserlebnisse und Erinnerungen in der Summe ergebe, ist nicht die ultimative Hommage an gelebte Liebe, die Trivial-Trilogie sein will.

Es ist die quintessentielle Verherrlichung arrivierter heterosexueller Bourgeoisie, die sich beständig selbst zu ihrer Formgültigkeit gratuliert. Weil das einem sich nach Wertbeständigkeit sehnenden Zielpublikum noch nicht genügt, verstreicht keine Dekade ohne eine Wiederholung. Diesem Brauch folgt das Hauptdarsteller- und Co-Autorenpaar pflichtschuldig wie ein altes Ehepaar. Nichts anderes sind Jesse und Celine im Grunde, mögen ihre Beziehungskomödien-Heldinnen-Frische und seine Liebesromanzen-Helden-Lässigkeit noch so bemüht anderes suggerieren. Das lebensnahe Porträt einer Paarkonstellation, das dem ersten Blick auf die Leinwand zeigt, hält keinem zweiten stand – wenn man sie dessen überhaupt würdigt.

  

Kritikerspiegel Before Midnight



Lida Bach
kino-zeit.de, titel-magazin u.a.
3/10 ★★★☆☆☆☆☆☆☆ 


Christian Gertz
nadann... Wochenschau, mehrfilm.de
4/10 ★★★★☆☆☆☆☆☆ 


Carsten Happe
Der Schnitt, filmgazette
7/10 ★★★★★★★☆☆☆ 


Durchschnitt
4.5/10 ★★★★½☆☆☆☆☆ 





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INHALT

Ihre Dialoge über die Liebe und das Leben, über Gott und die Welt begannen vor 17 Jahren: In Before Sunrise (1995) lernten sich der Amerikaner Jesse und die Französin Céline im Zug nach Wien kennen. Sie philosophierten, argumentierten, flirteten während eines nächtlichen Spaziergangs durch die Stadt. Im Morgengrauen gab es am Bahnsteig das Versprechen eines Wiedersehens. Doch erst neun Jahre später kreuzten sich ihre Wege in Before Sunset (2004) erneut. Die beiden verbrachten einen Tag in Paris zusammen, tauschten sich über ihre unglücklichen Beziehungen aus und entdeckten dabei ihre Gefühle füreinander aufs Neue. In Before Midnight erfährt man nun, dass Jesse und Céline damals zusammen geblieben sind. Mit ihren Töchtern verbringen sie den Urlaub in Griechenland. Und noch immer ist die Welt der Gefühle ihr favorisiertes Thema. Mittlerweile aber steht die eigene Beziehung auf dem Prüfstand, denn der Alltagstrott hat seine Spuren hinterlassen.
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