KRITIK

Bauernopfer

Bild (c) Studiocanal Filmverleih.

Bild (c) Studiocanal Filmverleih.

Für einen größeren Wirbel hat der internationale Schachzirkus wohl nie wieder gesorgt: Als Bobby Fischer, das sperrige Wunderkind des amerikanischen Schachs, 1972 im isländischen Reykjavík gegen den Russen Boris Spasski antrat und erstmals nach dem Zweiten Weltkrieg den Weltmeistertitel aus der Sowjetunion in die USA holte, wurde das nicht nur als sportliche Sensation gefeiert, sondern auch als politisches Symbol interpretiert, als strategischer Sieg im Kalten Krieg. Das Fischer-Spasski-Duell (nicht nur im Broadway-Musical „Chess“ zum „Match des Jahrhunderts“ stilisiert) hat Liz Garbus 2011 zum Höhepunkt ihrer tollen Doku „Bobby Fischer against the World“ gemacht. Und auch in „Pawn Sacrifice“, so der Originaltitel, inszeniert von „Last Samurai“-Regisseur Edward Zwick, kulminiert nun alles in diesem Zweikampf.

Davor regiert bei Zwick jedoch die übliche Biopic-Dramaturgie, die die Meilensteine eines Prominentenlebens beflissen abhakt und psychische Besonderheiten direkt aus kindlichen Erfahrungen herleitet. Wobei man „Bauernopfer“ zugutehalten muss, dass die unangenehmen, widersprüchlichen Seiten des manischen Paranoikers Fischer nicht verschwiegen werden: Obgleich selbst Jude, hing er antisemitischen Verschwörungstheorien an, als glühender Antikommunist machte er aus seinem Hass gegenüber Amerika dennoch keinen Hehl. Ein ganz besonderer Irrwitz, dass ausgerechnet er, der sich schon in jungen Jahren als spinnerte Diva gerierte, als Nationalheld vermarktet werden musste.

Szene_BauernopferToby Maguire, ehedem „Spider Man“, bringt diese Ambivalenz in seinem nuancenreichen Spiel gut rüber, an seiner Seite glänzt Michael Stuhlbarg als Manager, der wahrscheinlich im Auftrag der Regierung den Motivator des launischen Genies spielte. Liev Schreiber („Spotlight“) gibt einen noblen Spasski ab. Letztlich aber bleibt der Film zu brav für ein so irres Leben wie das, das Bobby Fischer führte. Und wie fast alle Schach-Filme vor ihm vermag es auch dieser nicht, das Schachspiel an sich überzeugend in Szene zu setzen. Nachvollziehbar, dass das Schach-Drama in den USA weit hinter den Erwartungen des Studios zurückblieb. Man darf gespannt sein, wie das Publikum in Deutschland das Schach-Drama aus dem Jahr 2014 aufnimmt.

 

 

Kritikerspiegel Bauernopfer - Spiel der Könige



Gian-Philip Andreas
Westfälische Nachrichten
7/10 ★★★★★★★☆☆☆ 


Carsten Happe
Der Schnitt, filmgazette
7/10 ★★★★★★★☆☆☆ 


Stefan Turiak
WIDESCREEN, dramadandy.de
7/10 ★★★★★★★☆☆☆ 


Durchschnitt
7/10 ★★★★★★★☆☆☆ 


Weitere Noten zu aktuellen Kinofilmen findest Du bei uns im Kritikerspiegel.

 

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INHALT

1972 – Amerika verfällt dem Schachfieber als sein jüngster Schach-Großmeister der Geschichte, Bobby Fischer (Tobey Maguire), in einem spektakulären Spiel um die Weltmeisterschaft auf seinen russischen Rivalen Boris Spassky (Liev Schreiber) trifft. Die amerikanisch-russische Konfrontation auf dem Schachbrett mitten in den Wogen des Kalten Krieges löst einen wahren Medienzirkus aus und Fischer findet sich plötzlich als Spielball der Interessen zweier Weltmächte wieder, während er gleichzeitig mit seinen ganz eigenen Dämonen zu kämpfen hat ... (Text Studiocanal Filmverleih)
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