KRITIK

Barfuss auf Nacktschnecken

Plakat Barfuss auf Nacktschnecken

Barfuss auf Nacktschnecken (Bild: Alamode)

Wenn sich scheinbar Normale um scheinbar Verrückte kümmern müssen, kommen im Kino verlässlich reizvolle Konfrontationen zustande. In aller Regel ordnen sich an deren Ende die Verhältnisse neu. So wie es Tom Cruise mit „Rain Man“ Dustin Hoffman ging, muss jetzt Diane Kruger ihre Welt von Ludivine Sagnier durchrütteln lassen. Die beiden verkörpern ein grundverschiedenes Schwesternpaar: Sagnier, bekannt aus Francois Ozons „Acht Frauen“ und „Swimming Pool“, spielt die ungebundene jüngere davon – und dies, das gleich vorweg, furios. Lily, so heißt sie hier, lebt bei ihrer Mutter auf dem idyllischer kaum denkbaren südfranzösischen Land, traktiert ihre Umgebung mit surrealistischer Dekorationssucht, hortet tote Tiere im Froster und schaut fern mit einem Truthahn, dem sie die Krallen llackiert. Nebenbei stellt sie ihren Körper den Dorfjungs zur Verfügung: eine Langstrumpf-Figur fernab aller Normen.

Clara, die ältere Schwester, zieht von der Stadt aufs Land, als beider Mutter plötzlich stirbt. Sie ist die Gegenfigur: urban, schick, regelkonform. Als Mitarbeiterin der Anwaltskanzlei ihres Mannes ist sie freilich subkutan unzufrieden. Ein unerfülltes Leben. Und so ist klar, welche Bewegung der Film vollzieht: Eine Annäherung zweier entfremdeter Schwestern aufeinander zu. Die jüngere übernimmt mehr Verantwortung, die ältere wirft alte Gewissheiten über den Haufen.

Regisseurin Fabienne Berthaud, die auch für die wunderbare Cinemascope-Handkamera mitverantwortlich ist, hält eine staunenswerte Balance, singt kein naives Loblied aufs ach so freie Sein in der Natur und inszeniert auch Lilys nervtötende Seiten äußerst behutsam und feinfühlig. Diane Kruger darf hingegen zeigen, dass sie fernab von Hollywood längst zu einer respektablen Schauspielerin geworden ist. Auch im französischen Original gelingt ihr das spielerisch, ohne Akzent.

Auch wenn das Finale ein wenig arg eng am Landlust-Öko-Klischee frustrierter Städter entlang schrammt, wen würden diese beiden tollen Darstellerinnen und diese sommerlichen Wald-und-Wiesen-Bilder nicht bezaubern?



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INHALT

Die 20-jährige Lily will nicht erwachsen werden, sondern Kind bleiben. Auch nach dem Unfalltod der Mutter verhält sie sich bei der Trauerfeier entgegen jeder Norm. Sie futtert, was das Zeug hält, beleidigt und verscheucht die Gäste. Ihre ältere Schwester Clara, eine bürgerliche Juristengattin, nimmt sich eine Auszeit, um die Jüngere zu betreuen. Die provoziert, lässt sich von den Dorfjungen befummeln, sammelt tote Tiere und fertigt Pelzpantoffeln. Nach und nach zieht Lily ihre etablierte Schwester in ihr Fantasiereich.
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Eure Kritiken zu Barfuss auf Nacktschnecken

  1. tine

    am wochenende auf dvd gesehen, der film hat mich von der ersten minute gefesselt, alleine schon durch die dekorationsliebe der jüngeren schwester, die jede einstellung zum begeisternden suchbild macht. der kontrast zwischen den beiden könnte kaum grösser sein und ist in vielem (mimik, wortwahl, kleiderwahl) perfekt inszeniert und gespielt … kein wohlfühlfilm eigentlich, da es einige beklemmende momente gibt, aufgrund der dialoge oder der szenerie, bei denen ich beim besten willen nicht ahnte wie es ausgeht, nur hoffte … toll! bleibt im kopf!

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