KRITIK

Bad Boy Kummer

Filmplakat Bad Boy Kummer

Plakat Bad Boy Kummer (W-Film)

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, wenn in diesen Tagen – knapp elf Jahre nach Bekanntwerden von einem der größten Printmedien-Skandale jüngerer Geschichte – das Enfant terrible der deutschsprachigen Presse selbst zum Interview gebeten, dabei erst zum Gegenstand einer Dokumentation und schlussendlich sogar zum Kinostar erkoren wird. Die Rede ist von Tom Kummer, jenem Schweizer Journalisten, der in den 90ern erst durch zahlreiche prestigeträchtige Interviews mit illustren Persönlichkeiten des nationalen und internationalen Showbiz (erschienen auch im SZ Magazin) Berühmtheit erlangte, und anschließend über die Tatsache stolperte, dass jedes einzelne Gespräch ein reines Fantasiekonstrukt aus seiner eigenen Feder war.

BAD BOY KUMMER von Miklós Gimes, dem ehemaligen Vize-Chef beim Magazin des Zürcher „Tages-Anzeigers“ und laut Kummer „einer der bedeutendsten Chefredakteure der Schweiz“, also selbst ein beruflicher Weggefährte oder vielleicht auch Opfer Kummers – ist nur vordergründig die Dokumentation der Vergangenheit seines einstigen Schützlings. Weitaus mehr ist der Film auch ein Annäherungsversuch hinsichtlich des „Phänomens Kummer“ selbst. An Ereignis-Rekonstruktion und Personen-Biographie zeigt sich das Kinodebüt des ungarischen Regisseurs dabei wenig interessiert, vielmehr arbeitet er sich mit Archivmaterial und diversen Interviewschnipseln langsam aber sicher zum Antrieb und zur Motivationsquelle seines Forschungsobjektes vor: Als Regisseur der Wirklichkeit, als journalistischer Grenzensprenger zwischen Fiktion und Realität, als Punk im Establishment sieht Tom Kummer sich selbst. In seinen gefälschten Reportagen und Interviews erkennt er weniger Betrug, denn kreative Kunst – bis heute.

Szene aus der Dokumentation Bad Boy Kummer

Szene aus Bad Boy Kummer (W-Film)

Gimes lässt Kummer immer wieder den Freiraum, sich selbst zu erklären, ist sich jedoch stets bewusst darüber, dass er den Medienprofi gegenüber soweit auf Abstand halten muss, dass jener den Film nicht zur Image-Kampagne für sich selbst umfunktionieren vermag. „Ich wollte mit dem Film keineswegs einen Mann zum Idol machen, der so viele Kollegen betrogen hat“ gibt Gimes gleich zu Beginn die Intention vor. Doch besonders mit den ersten Bildern hinter dem Steuer seines Autos oder der Stadt und gegen Ende mit ernüchternden Aufnahmen von Kummers heutiger Tätigkeit, Tennislehrer, entwickelt jene Verquickung von sympathischen Homestory-Besuchen in Kummers Residenz in Los Angeles, und deren gleichzeitige Hinterfragung durch Interviews mit Betroffenen und Opfern von Kummers Schaffen eine beachtliche Dynamik (inklusive Punk-Musik), die den leicht verschwafelten Mittelteil schnell in Vergessenheit geraten lassen.

Als weitaus weniger schön erweist sich dagegen die optische Aufmachung des Films, die mit schnellen Schnitten, Split-Screens, gezwungenen Montagen und unzähligen visuellen Gimmicks nur allzu ausgestellt versucht, jene Art von popkultureller Lockerheit zu transportieren, die dem Selbstverständnis einer Gestalt wie Kummer wohl angemessen erscheinen mag. So etwas hätte BAD BOY KUMMER eigentlich überhaupt nicht nötig gehabt. Die größte Faszination geht bereits von der Figur selbst aus.



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