AKTUELL IM KINO

Baby Driver (Stefan)

Bild (c) Sony Pictures Releasing GmbH.

Mit seiner so genannten „Cornetto Trilogie“ („Hot Fuzz“, „Shaun of the Dead“, „The World´s End“) schuf er drei Huldigungen an das klassische Genre-Kino. Alle – man könnte die Filme auch Parodien nennen – besitzen einen ehrlichen, emotionalen Kern. Mit „Scott Pilgrim vs. the World“ produzierte er eine der besten Comicadaptionen der letzten Jahre. Sogar mit seiner nicht ganz so gelungenen „Ant-Man„-Version und seiner Flucht vor der Marvel-Maschinerie konnte er Sympathiepunkte gewinnen. Seine Fans träumen noch heute von einer „Wright-Fassung“ des winzigen Superhelden, die über die Planungsphase als verantwortlicher Regisseur nie hinausgekommen war. Wegen der (so gern als Ausrede herbeigezogenen) „kreativen Differenzen“ wurde „Ant-Man“ 2014 an den pflegeleichteren Peyton Reed weitergegeben. Die Rede ist natürlich von dem großartigen Edgar Wright.

Der Brite Edgar Wright ist und bleibt Kritikerliebling mit einem eigenen Kopf, vor allem weil er mit „Baby Driver“ einen Actionfilm abliefert hat, der größtenteils sowohl Kritiker und Fans verzückt und der einmal mehr nicht auf einer bekannten Vorlage basiert. Oberflächlich betrachtet wirkt die Verfolgungskomödie damit wie ein Einhorn in einer Kinolandschaft, in der immer wieder beschworen wird, dass alles nur noch aus Fortsetzungen, Reboots, Remakes oder Comicverfilmungen besteht. Auch wenn an dieser Aussage durchaus gezweifelt werden darf.

Ob dieser Hype berechtigt ist und ob es wirklich schon reicht, einen Film zu produzieren, in dem niemand die Namen der Hauptfiguren kennt, ist wiederum eine andere Frage. „Baby Driver“ hat trotz seiner vermeintlichen Originalität viele Genre-Vorväter, die vor allem im Verfolgungskino der 70er Jahre zu finden sind und von denen Walter Hills „The Driver“ die offensichtlichste Vorlage ist.

Baby (Ansol Elgort aus „Das Schicksal ist ein mieser Verräter„) ist ein Fluchtwagenfahrer, der für einen Mann namens Doc (Kevin Spacey) arbeitet. Zwangsweise, denn Baby hat als Teenager einen Wagen des Kingpins geklaut und zu Schrott gefahren. Und nun muss Baby seitdem seine Schuld abbezahlen. Dieses Ziel hat er bald erreicht. Im nächsten Auftrag ist sein Problem die Crew, mit der er zusammenarbeitet. Letztere stellt sich als äußerst schwierig und eigensinnig heraus. Darüber hinaus verliebt sich Baby in die schöne Kellnerin Debora (Lily James aus „Cinderella„), was bedeutet, dass er viel mehr zu verlieren hat als jemals zuvor.

20 Jahre hatte Edgar Wright die Idee zu seinem Verfolgungsjagd-Quasi-Musical im Kopf, in dem jede Szene und deren Rhythmus perfekt auf den Beat des spaßigen Soundtracks abgestimmt ist. Ein Stilmittel, das Wright bereits in seinen vorangegangenen Filmen sporadisch eingesetzt hat. In „Baby Driver“ exerziert er dieses Stilmittel von der ersten furiosen Verfolgungsjagd bis zum blutigen Ende konsequent durch. Seine Hauptfigur ist seit einem frühen Unfall mit den Eltern mit einem Tinnitus gestraft. Und um diesen zu überhören, steckt die meiste Zeit ein Ohrstöpsel seines iPods bei ihm im Ohr. Was dem Film eine durchaus erfrischende Note gibt.

Der Plot dagegen bleibt Standard. Haupt- wie Nebencharaktere wachsen selten über den Status des Stereotypen hinaus. Hauptdarsteller Ansel Elgort wirkt geradezu unbeteiligt und apathisch während des gesamten Geschehens. Kevin Spacey spult mehr oder weniger sein trockenes Standardprogramm aus Filmen und Serien wie „21“, „Kill the Boss“ oder „House of Cards“ ab, inklusive einer Charakterentwicklung, die aus dem Nirgendwo kommt; Jamie Foxx versucht dagegen in einer Performance am Rande des „Overacting“ den Psychopathen zu geben, als „Bats“, der eher nervtötend immerzu betonen muss, wie gefährlich und psychotisch er ist.

Leider kann nur Jon Hamm als verliebter Ganove „Buddy“ überzeugend zwischen sympathisch und bedrohlich hin und her wechseln. Die weiblichen Parts sind nur rudimentär ausgearbeitet: Auch wenn Elza González als Gangsterbraut und Lily James als designierte Liebschaft der Hauptfigur ihren natürlichen Charme abspielen dürfen, ist auf den Drehbuchseiten nicht viel mehr zu finden.

Dass „Baby Driver“ dennoch eine unterhaltsame Kinoerfahrung geworden ist, die voller spaßiger Einfälle steckt, liegt an dem überzeugenden Zusammenspiel aus Musik und Handlung. Manchmal wird zu einem Stück aus dem iPod mitgewippt oder -geklatscht, andernfalls auch schon einmal getanzt oder geträumt. Ambitioniert ist der Film vor allem in Puncto Schnitt und Sound. Handlungsabläufe finden zum Takt der Musik statt, wenn beispielsweise Geldbündel im 4/4tel-Takt auf einem Tisch ausgebreitet werden oder der passende Song mit dem Titel einer in der Handlung auftretenden Person intoniert wird. Alles nette Spielereien, die trotz einer großen Portion Herzblut am Ende jedoch seltsam kalt lassen.

 

 



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