KRITIK

Babel

Babel Vielleicht war es irgendwann einmal gleichgültig, wenn in China ein Sack Reis umkippte. Im Global Village der Gegenwart aber hat alles, was der Weltnachbar tut, Konsequenzen für die anderen. Zu Beginn des Films „Babel“, einem Virtuosenstück über die Spätfolgen eines alttestamentarischen Fluchs, fällt ein Schuss im Nirgendwo – und in der Geschwindigkeit eines Wimpernschlags wird sein Echo auf der anderen Seite der Erde spürbar. Alles betrifft uns heute, unablässig senden die World News, und doch, so das Thema des mexikanischen Regisseurs Alejandro Gonzáles Inárritu, türmen sich mehr Missverständnisse auf denn je. Und wenn schon diejenigen ,lost in translation‘ sind, die die gleiche Sprache sprechen, wie soll dann Einvernehmen zwischen den Völkern entstehen?

Es sind zwei marokkanische Lausejungs, die unbedacht einen Gewehr-Schuss auf einen Reisebus abgeben. Die Kugel verletzt die amerikanische Touristin Susan (Cate Blanchett), die mit ihrem Mann Richard (Brad Pitt) unterwegs ist, um fern der Heimat die Sprachlosigkeit zu überwinden, die seit einem Unglück zwischen ihnen herrscht. Wegen dieses Vorfalls kann das mexikanische Kindermädchen Amelia, das in San Diego die Sprösslinge der beiden hütet, nicht wie geplant zur Hochzeit ihres Sohnes reisen. Ihr Neffe (Gael García Bernal) überredet sie aber, die Kinder nach Mexiko mitzunehmen, was fatale Konsequenzen haben wird. In einer vierten Episode schließlich erzählt Inárritu von dem ehemaligen Besitzer des verhängnisvollen Gewehrs, einem Japaner, dessen taubstumme Tochter verzweifelt nach Kontakt sucht.

Drohte Inárritus nicht chronologische, elliptische Erzählweise noch in „21 Gramm“ zur Masche zu verkommen, so besticht das Konzept hier als Sinnbild – wenn der Regisseur zwischen den Handlungsebenen springt, bewegt er sich mit der somnambulen Verlorenheit eines Zeitzonen-Reisenden. Es ist ein Film der schmerzhaften Gegensätze: zwischen Stille und Lärm, Wüste und Urbanität, Armut und Reichtum. Ein Film, der die Sinne schärft für die Beschränktheiten der Kommunikation. Selbst die Welt der Zeichen verheißt bei Inárritus keine Verständigung: Da warnt an der mexikanisch-amerikanischen Grenze ein Schild mit dem Piktogramm einer rennenden Familie vor illegalen Einwanderern. Und die Straße dahinter ist gesäumt von Kreuzen.



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INHALT

Zwei marokkanische Jungen spielen mit einem Gewehr, ein Schuss löst sich. Mit einem Schlag wird das Leben von vier voneinander unabhängigen Gruppen von Menschen aus drei verschiedenen Kontinenten auf den Kopf gestellt. Darunter befinden sich ein amerikanisches Paar, ein rebellischer japanischer Teenager und sein Vater sowie ein mexikanisches Kindermädchen, das zwei amerikanische Kinder über die Grenze schmuggelt. Keiner der Fremden wird sich jemals treffen, auch wenn sie sich in diesem einen Moment so nah sind, wie Menschen nur sein können.
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Eure Kritiken zu Babel

  1. Colonia

    Nach dem Schuss

    Es sind wohl die einzelnen Geschichten, die nur scheinbar miteinander zu tun haben, die mich nicht vollauf zufrieden aus dem Kino entlassen. „Babel“ ist ohne Zweifel ein sehr guter Film, aber zu gewollt sind mir die Zusammenhänge bzw. eben Nicht-Zusammenhänge. Zu konstruiert erscheint mir das. Besonders die Japan-Episode fällt da heraus, die einerseits ein so großes Gewicht hat, andererseits mit der Grundgeschichte, als die ich die in Marokko spielende ansehe, nur einen winzigen – wenngleich folgenreichen – Berührungspunkt hat.
    „Babel“ hat nicht die Kraft von „Amores Perros“, doch sind auch hier Bilder, die Musik und Schauspieler zu loben. Egal, ob bekannte oder unbekannte Darsteller, sie alle agieren großartig in diesem Ensemblefilm.

  2. Manni

    Kein Meisterwerk. Ein guter Film! Nicht mehr, nicht weniger!

  3. Georg

    Großes Kino der eindringlichen Momente. Vier Geschichten. Vier Schicksale. Film wirken lassen. Ein Meisterwerk.

  4. Guido

    Ganz klar, das ist kein Film der jedem gefällt – dafür ist er zu sehr Kunst und bietet zu viele Interpretationsmöglichkeiten, gerade was das Menschenbild betrifft, das der Film darstellt. Mich hat der Film schwer beeindruckt, gerade weil so viele Dinge zusammenkommen, die die Menschen und deren Zusammenleben beleuchten. Inárritu ist seinem Stil treu geblieben, hat aber meiner Meinung nach an Feinheit gewonnen. Vielleicht ist der Film deshalb auch nicht so direkt wie es noch Amorres Perros oder 21 Gramm war. Es wird viel geweint, ein paar Mal geschossen und ein paar Mal mehr deutlich wie verzweifelt Menschen sein können und dass manche eben doch gleicher sind als andere Menschen. Wer auch immer für Filmmusik und Tonschnitt verantwortlich war – allein dafür: 10 Punkte

  5. Fiska

    Film ist sehenswert, aber nicht unbedingt ein Meisterwerk. Ist an einigen Stellen sehr langweilig!!

  6. ZAP

    Wie alle anderen Filme von Iñárritu ist auch dieser wieder einmal ein Meisterwerk. Äußerst tiefsinnig und verwoben.

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