KRITIK

Baader Meinhof Komplex, Der

Baader Meinhof Komplex, Der Ulrike Meinhof, überzeugend verkörpert von Martina Gedeck, sitzt mit ihrer Familie, mit Ehemann und ihren beiden Töchtern, am Strand von Sylt. Wir schreiben das Jahr 1967. Die Journalistin liest in einer Illustrierten vom Besuch der Schah-Familie von Persien. 10 Jahre und 145 Filmminuten später sitzt sie in der JVA Stuttgart-Stammheim in Untersuchungshaft und hat sich das Leben genommen. Damit sind der so genannte „Deutsche Herbst“ und die zehn düsteren Jahre einer jungen deutschen Demokratie als Geschichtsepos endlich auch im Kino angekommen. Danke, lieber Herr Eichinger (Drehbuch, Produktion), danke, lieber Uli Edel (Regie).

Nein, ganz im Ernst, was der Lehrplan der weiterführenden Schulen, verantwortlich die Kultusmisterien in Deutschland immer noch nicht geschafft haben, eine Aufnahme wichtiger geschichtliche Ereignisse in den Schulunterricht, muss nach vielen Geschichtsepen wie „Der Untergang“, „Das Leben der Anderen“ oder eben „Der Baader Meinhof-Komplex“ wieder einmal das Kino, hierzulande die Constantinfilm, leisten. Im „Baader Meinhof Komplex“, dem Film zum Buch zum Zeitgeschehen wird zwischen den beiden anfänglich beschriebenen Szenen die Entstehungsgeschichte der Rote-Armee-Fraktion, kurz R.A.F. nacherzählt, „so authentisch, wie das bei einem Spielfilm möglich ist“ (Autor Stefan Aust). Abgesehen von den ersten und (zu) wenigen anderen Szenen lässt diese doppelte Geschichtsstunde keine Zeit für lange Figurenentwicklungen oder psychologische Begründungen. Produzent und Drehbuchautor Eichinger und Regisseur Uli Edel tragen ihren Film, basierend auf den Aufzeichnungen von Ex-Spiegel-Chefredakteur Stefan Aust, auf ihre Weise zu Grabe: so enzyklopädisch wie eilig, so atemlos wie bloß abhakend. Massenszene, Unruhe, Sitzung, Anschlag, Unruhe, Sitzung, Anschlag. Es donnert und explodiert gewaltig auf der Leinwand, stets „basierend auf wahren Begebenheiten“ wie es oft so schön und gleichwohl auch so nervig im Kino heißt.

Erst nach gut zwei Stunden kommt der Film zur Ruhe, wenn die Protagonisten in Untersuchungshaft festsitzen und die Gegenseite, die Politik, die Richter und das Bundeskriminalamt die ausweglose Lage, sprich den Zustand und ihre Lösungsansätze diskutieren. Die Darsteller der Gegenseite bleiben mit Ausnahme von Bruno Ganz als BKA-Chef Horst Herold blass. BMK (Baader-Meinhof-Komplex) ist ein Täterfilm. Die Stars sind die Terroristen. Besetzt wie aus einer Liste der „Who is Who“ deutscher Leinwandgrößen, von Bleibtreu als Andreas Baader bis Nadja Uhl als Mohnhaupt wird regelrecht eine Art Figuren-Sammelwut sichtbar, die dann am Ende zu der erstaunlichen Zahl von 123 Sprechrollen führt. Und genauso war es doch schon immer im Geschichtsunterricht: Daten, Fakten, Zahlen. Gut, dass diese Geschichts-Doppelstunde politisch und ideologische zweideutig bleibt. Zwar werden Baader, Meinhof und Ensslin allein durch ihre Präsenz und die Star-Besetzung überhöht, viele Widersprüche sind ihnen aber ausgetrieben. So ist es am Ende doch nur Film, der gekonnt einen Überblick vermittelt, wie es war. Was die Terroristen wirklich bewegt und gefühlt haben, das zu zeigen bleibt der Film dem Zuschauer schuldig.



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INHALT

Baader, Meinhof und Ensslin gründen die Rote-Armee-Fraktion und erklären der Bundesrepublik Deutschland den Krieg. Die Brutalität ihrer Terrorkampagnen eskaliert. Es gibt Tote und Verletzte. Der Mann, der ihre Taten zwar nicht billigt, aber dennoch versucht zu verstehen, ist auch ihr Jäger: der Leiter des Bundeskriminalamtes Horst Herold. Obwohl er große Fahndungserfolge verbucht, ist er sich bewusst, dass die Polizei allein die Spirale der Gewalt nicht aufhalten kann.
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Eure Kritiken zu Baader Meinhof Komplex, Der

  1. RobbyTobby

    Ein ergreifender deutscher Film mit einer tollen Besetzung. Mich hat der Film gefesselt. Ein sehr beleehrendes Zeitspiegelbid. KLasse!

  2. Lea

    Geschichtsstunde im Kino, das stimmt. Und ein Bilderbuch mit Auftritten deutscher Top-Stars. Am Anfang war ich sehr enttäuscht, später wurde es beseer.

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